14. Tube – Schluss mit Billy


OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenn jemand verlassen wird, ist er oder sie nicht allein. Mach die Augen auf!

Ich sitze im IKEA Einrichtungshaus. Ich bin aufgeregt. Sehr aufgeregt. Fast drei Jahre waren wir zusammen. Die erste längere Beziehung nach meiner Ehe. Drei spannende Jahre mit viel Veränderung. Jetzt sitze ich hier am weißen Tisch auf einem weißen Stuhl im Restaurant des IKEA Einrichtungshauses.

Drei Wochen hatte er sich nicht mehr meldet, auf keinen meiner Anrufe reagiert. Er brauche Zeit zum Nachdenken. Eigentlich war die Sache damit doch schon klar. Nur der Mut fehlte ihm an dieser Stelle, oder? Ich hatte noch mehrere Anläufe gemacht, um im Gespräch zu bleiben. Irgendwann kommt doch immer der Punkt, an dem man sich füreinander entscheidet und sich auseinandersetzt – oder doch lieber eine neue Vomex (7. Tube) sucht. An so einem Punkt waren wir – also er. Nennen wir ihn Billy. Das passt so schön. Schnell im Auf- und Abbau. Eine Freundin von mir sprach immer vom „blauen Klaus“. Das ist auch gut. Vielleicht der „blaue Billy“. Das passt am besten – sehr einzigartig. Nur das Leben schreibt solche einzigartigen Geschichten. Schließlich erklärte er sich dann doch zu einem Gespräch bereit.

Per SMS ging es um die Frage, wo wir uns treffen.

Ich: „Wie wär’s mit dem Ahoi?“ Das ist ein Kiosk am Elbstrand mit freiem Blick und lockerer Atmosphäre.

Der blaue Billy: „Nein. Kann nicht davor parken. Besser bei IKEA.“

Wie gesagt, das Leben schreibt die besten Geschichten, nicht wahr? Ich brauchte lange, um meine Fassung zurückzugewinnen. Zum Glück haben wir nicht gesprochen, sondern nur SMS geschrieben. Gefühl rausnehmen, umdrehen und wieder reintun. Nach drei Stunden hatte ich es geschafft. Eine Freundin half mir: „Barbara, in der IKEA-Kantine ist es schön hell. Da scheint die Sonne rein. Ich treffe mich da auch öfters mal zum Essen.“

Ich simste: „Okay, IKEA. Morgen um 11.“

Um 10.40 Uhr sitze ich im IKEA Einrichtungshaus in Hamburg-Schnelsen und warte. Ich habe mir einen schönen Platz in der Sonne gesucht und einen frischen Obstsalat geholt. Ich fühle mich gut. Neben mir sitzt ein älterer Herr um die 80. Er trägt eine dunkelgrüne Lodenweste, ein kariertes Hemd. Neben ihm über der Stuhllehne hängt ein beiger Popelinemantel und auf dem Tisch liegt ein Lodenhut mit einer Feder dran. So einer, den die Jäger tragen. Der ältere Herr sitzt da und trinkt Kaffee. Unsere Blicke kreuzen sich. Wir lächeln uns an.

Er fragt: „Warten Sie auf jemanden, der einkauft?“

Ich: „Nein. Ich warte auf jemanden, mit dem ich hier verabredet bin. Warten Sie auf jemanden, der einkauft?“

Er: „Nein. Ich habe einen Teddy für meine Enkelin gekauft und jetzt trinke ich einen Kaffee. Ich bin öfters hier. Hier sitzt man so schön.“

Ich: „Ja. Hier sitzt man schön.“

Ich bin ganz gerührt. Das kann doch kein Zufall sein, dass dieser Herr jetzt hier sitzt. Hat der vielleicht weiße Flügel auf dem Rücken und ist mir geschickt worden? Offenbar spürt er, welche Wirkung er auf mich hat und setzt die Unterhaltung fort.

„Ich überlege jetzt, ob ich mir auch einen Teddy kaufe – für mich.“

Ich: „Ach, das ist ja eine schöne Idee. Zum Kuscheln?“

Er: „Ich traue mich ja eigentlich nicht, das zu erzählen. Nicht jedem kann ich so was sagen. Aber Sie sehen so aus, als ob Sie das verstehen…“

Jetzt werden tatsächlich meine Augen feucht. Ich lächele dankbar.

„…Ich setze ihn auf meine Couch oder ich nehme ihn mit ins Bett. Er ist so schön weich und ich habe etwas neben mir liegen.“

Unser Gespräch berührt mich. Noch nie habe ich mich mit einem Unbekannten so intensiv unterhalten. Wir sprechen darüber, im Moment zu leben und zu genießen und wie schön das ist. Er spricht davon, dass seine Kinder und seine Freunde eigentlich nur jammern. Er liest Bücher, die vom Leben im Jetzt handeln und dass ihn das im Alter immer zufriedener gemacht hat. Er könne mit keinem darüber sprechen, die, die er kennt, seien nicht offen dafür.

Jetzt bin ich sicher. Dieser ältere Herr ist tatsächlich ein Engel und sitzt hier für mich.

Inzwischen sind etwa 25 Minuten vergangen und er fragt mich: „Warum lässt derjenige, mit dem Sie verabredet sind, Sie denn solange warten? Das würde ich nicht tun. Wieso lässt man denn jemanden wie Sie so lange warten?“

„Ja, warum lässt er mich so lange warten? Warum warte ich überhaupt so lange?“, denke ich und erwidere: „Er kommt bestimmt gleich.“

Ich bin jetzt ganz friedlich. Ich bin ganz im Moment – entspannt und bei mir. Das hat sich doch alles schon gelohnt. Mein persönlicher Engel im IKEA Einrichtungshaus. Der Tag ist wunderlich und wunderschön.

Fünf Minuten später kommt der blaue Billy. Wir begrüßen uns. Auch mein Engel begrüßt ihn mit einem freundlichen Kopfnicken. Wir reden. Ich weiß nicht mehr richtig, was. Ich merke, dass mein Engel uns aus dem Augenwinkel beobachtet. Erst auf meine Frage hin, wie es denn nun weitergeht, antwortet Billy, dass seine Gefühle nicht ausreichen für eine Beziehung. Das war klar. Ich bin mit meinen Gedanken schon woanders.

Jetzt steht mein Engel, der ältere Herr, auf. Er zieht seinen Mantel an, setzt seinen Hut auf und beugt sich zum blauen Billy hinunter: „An Ihrer Stelle würde ich diese tolle Frau nicht so lange warten lassen. Auf Wiedersehen.“ Er lächelt mir zu und geht. Nein – er schwebt davon.

Noch heute erinnere ich mich voller Dankbarkeit an diese Geschichte. Ist das wirklich passiert? Eines ist sicher. Es ist immer jemand bei mir.

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9 Gedanken zu „14. Tube – Schluss mit Billy

  1. Hi Barbara, das hört sich nach einem Menschen an, den man gerne nochmal treffen möchte (ich meine damit nicht den blauen Billy). Vielleicht liest er ja Deinen Blog?
    Liebe Grüße, Silke

    • Hi Silke, das Tolle ist, dass jeder seinen eigenen Engel hat. Vielleicht steht deiner auf einem Surfbrett und hat einen Waschbrettbauch:) Du erkennst ihn dann an den Flügeln. Liebe Grüße Barbara

  2. Huuu… da werden meine Augen auch feucht. Aber – eigentlich brauchst Du den „Engel“ nicht. Bleib Du nur so wie Du bist, werde nicht wie jemand anders.

    Die Idee mit dem Teddy ist gut – ich habe früher meinem 3 Jahre jüngerem Bruder auch immer Teddy und Puppe ins Bett gelegt, damit ich noch „Dallas“ gucken konnte 😉

  3. Was für eine wunderschöne Geschichte voller wohlwollendem Witz und gekonntem Wortspiel. Puh … mehr Ws passten nicht mehr in den Satz. Jedenfalls genial … wann schreiben Sie ein Buch?

  4. Pingback: 16. Tube – Immer in Bewegung | BARBARA – Der Senf ist alle!

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