7. Tube – Die neue Vomex


„Das Leben besteht zu 95 Prozent aus Gewohnheit und zu fünf Prozent aus Überraschungen“, sagte der Schriftsteller und Philosoph Jean Romains. Das mag für viele Leute stimmen – aber ist das erstrebenswert?

Oft braucht es nur eine kleine Abweichung von der Gewohnheit, um alles zu ändern. Was es etwa ausmacht, wenn eine leere Stelle fehlt… Das verändert alles. Zack – 180 Grad und andere Richtung…

So war es auch bei der neuen Vomex.

Vomex wird vorbeugend und zur symptomatischen Behandlung von Übelkeit angewendet, insbesondere bei Reiseübelkeit. Die neue Vomex macht ziemlich müde. Da bekommt man nichts mehr von der Reise mit, und es wird einem nur deshalb nicht schlecht, weil man einfach wie betäubt ist und in einen tiefen Schlaf fällt.

Mir wurde als Kind immer schlecht im Auto. Ich weiß noch, dass ich einmal bei meiner Tante im Auto saß. Sie fuhr mich kurioserweise ausgerechnet zum Kinderarzt. Ich war, glaube ich, noch nicht in der Schule, vielleicht etwa fünf Jahre alt. Ich habe nur ganz wenige Erinnerungen an diese Zeit. Und wenn, dann sind es ganz ausgewählte Ereignisse und ich erinnere mich an die allerkleinsten Details.

Ich saß also auf der Rückbank eines hellblauen Mercedes. Der war nicht nur außen hellblau, sondern auch innen. Hellblaues Leder. Die Rückseite des Fahrersitzes war auch hellblau. Dort war ein Ablagenetz angebracht. Dieses Netz bestand aus runden, hellblauen Gummischnüren rautenförmig geknüpft. Ich weiß das genau, weil ich mich exakt darauf konzentriert habe, bevor es losging. „So ein tolles Auto“, habe ich noch gedacht. Wir hatten nur einen Käfer. Wobei ich heute supergerne einen alten Käfer hätte. Damals empfand ich große Erfurcht, in so einem wundervollen Mercedes zu sitzen. Mercedes! Wahnsinn.

Wir waren schon vor dem Haus des Kinderarztes angekommen und suchten nur noch einen Parkplatz. Ich hatte vorher ein Würstchen mit Senf gegessen. Es ging nicht mehr. Der Vordersitz war dann nicht mehr hellblau.

Tschuldigung.

Eigentlich wollte ich diese Geschichte ja gar nicht erzählen. Tja, was es ausmacht, wenn eine Lehrstelle weg ist. Ach so, ihr wisst noch nicht, wovon ich spreche?

Eigentlich wollte ich ja nicht von meiner Reiseübelkeit und der „neuen Vomex“ sprechen. Es ging mir ja vielmehr um etwas ganz anderes, über das ich früher ganz oft noch nachgedacht habe. Nämlich über die Neue vom Ex. Und da habe ich beim Tippen zwischen „vom“ und „Ex“ die Leerstelle vergessen. Nur deswegen bin ich auf die neue Vomex gekommen und auf den blauen Mercedes und…

Na ja, Entschuldigung nochmal.

Es gibt ja inzwischen mehrere (also Neue vom Ex). Ich habe da einen Fundus an Beispielen, aus denen ich schöpfen kann. Allerdings ist meine Stichprobe nach statistischen Regeln nicht repräsentativ. Nichtsdestotrotz – ich habe folgende Erkenntnisse gewonnen und es ist bei allen immer gleich:

Sie ist jünger. Autsch!

Wieso ist das so? Das ist ja ein sehr verbreitetes Phänomen. Das merke ich spätestens, wenn ich mal wieder beim Zahnarzt oder beim Frisör bin und das breite Spektrum der Yellow Press zur Verfügung habe. Waigel, Münte, Schröder…  Ist es wirklich das Alter?

Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass es eigentlich gar nicht um die Neue geht! Sondern vielmehr darum, das Alte, Gewohnte immer wieder zu erleben. Wie ein Computerprogramm, das immer wieder von vorne abläuft. Ist die Märchenburg kaputtgegangen, dann wird sie einfach genauso wieder aufgebaut. Nur mit einem „neuen“ Schneewittchen halt.

Gut zu beobachten war das beim französischen Staatspräsidenten zum Beispiel. Unfassbar. Der hat doch seiner Neuen den gleichen, außergewöhnlichen teuren Brillantring geschenkt wie seiner Ex-Frau. Hallo, geht´s noch? Wäre ich Carla und würde in der Morgenzeitung das Foto sehen, auf dem meine Vorgängerin genau den gleichen Ring trägt, wie der, den er mir gerade in Verbindung mit einem Heiratsantrag geschenkt hat, dann hätte ich schon ein ziemlich doofes Gefühl.

Unsere erste Wohnung zum Beispiel war eine Dachgeschoss-Maisonette-Wohnung. Vor mir wohnte er mit seiner Freundin in einer Dachgeschoss-Maisonette-Wohnung. Und heute wohnt er… na? Genau, in einer Dachgeschoss-Maisonette-Wohnung. Nein, es war nicht immer dieselbe Wohnung, aber ziemlich ähnlich.

Ein anderes Beispiel. Am liebsten ging, geht und wird er wahrscheinlich sein ganzes Leben lang zum selben Lieblingsitaliener essen gehen. Durch die Türe, dann rechts und am liebsten auf den Platz auf der Bank hinten an der Wand. Ich saß früher immer gegenüber. Und heute sitzt die Neue dort auf diesem Platz. Am liebsten aß, isst und wird er wohl immer noch rohen Thunfisch mit Soja-Soße essen.

Wie viele Frauen tragen wohl die ringförmige Kette mit einer dicken, dunklen Tahitiperle?

Herrje. Ich mache mir ja immer die gleichen Gedanken….

Immer die gleichen…

Gedanken…

Und werde auf einmal…

So müüüüüde…

Nie mehr nehme ich diese neue Vomex… versprochen…

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9 Gedanken zu „7. Tube – Die neue Vomex

  1. Ja,ja—köstlich—-oh-Gott-bewahre mich vor Veränderung oder gar Überraschungen—dann wird ALLES v i e l zu aufregend …oder wie ? ? ?

  2. Meine Liebe Barbara,
    Du schreibst so witzig und dennoch geht der Ernst des Themas nicht verloren. Er wird nicht weggelacht. Ich freue mich schon auf Deine nächste Tube.

    Alles Liebe Dany

  3. Liebe Barbara,
    es ist sehr menschen-nah geschrieben und man bekommt sofort sehr plakative Bilder vor die Augen. Gleichzeitig frisch und amüsant – mach weiter. Alles Beste Magdalena

  4. Pingback: 14. Tube – Schluss mit Billy | BARBARA – Der Senf ist alle!

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