32. Tube – Alle Jahre wieder


Stimmungsvolles FeuerwerkWie war Weihnachten in diesem Jahr? Klassisch oder verrückt? Heile, heile Gänschen oder Drama?
Richtig schön war´s. Insbesondere nach dem Drama im letzten Jahr. Da verließ ich Heiligabend um halb drei die traute Kaffeetafel und brach damit den familiären Weihnachtsfrieden. Ich konnte einfach nicht mehr.

Was war passiert? Wir saßen um den Esstisch. Mama, Papa, einer meiner Brüder mit Frau und ich. Ich alleine, weil meine Kinder 2012 bei ihrem Papa waren. So saß ich also 2012 am eichenen Familientisch, nur ich als Barbara. Plötzlich fühlte ich mich um 35 Jahre zurückversetzt in alte Zeiten. Unglaublich, wie plötzlich diese uralten Gefühle auftauchten, als sei ich wieder mittendrin in der alten Zeit, auf meinem alten Platz sitzend, auf der alten Eckbank mit dem Blick auf die Felder. Nichts hatte sich verändert. So wie im Film “Die Feuerzangenbowle“: Fünf alte Herren, unter ihnen Heinz Rühmann in der Rolle des Pfeiffers mit drei f, sitzen zusammen und erinnern sich an alte Geschichten. Genau das passierte bei mir. Ich erinnerte mich nicht nur schwarz-weiß, sondern ich war auf einmal mitten im alten Geschehen – in Farbe und 3D.

Wow! Unglaublich, wie aus dem Nichts auf einmal uralte Gefühle präsent sind, als ob es gestern wäre. Wo stecken die wohl? In welchen Zellen und an welchen Stellen in unserem Körper verstecken sich jahrzehntealte Erlebnisse?

Da saß ich also, und es wurde geredet „wie immer“. Über die Menschen im Nachbardorf, über das spirituelle Zentrum, das dort aufgemacht hat und über den Guru, der den Besuchern „das Geld aus der Tasche zieht“. Statt einfach über diese Sichtweise zu lachen und mich zurückzulehnen und die leckeren Plätzchen zu genießen, war ich voll drin in meinem alten Film „Barbara – die Retterin der Unterdrückten und Außenseiter“. „Das ist doch wohl Sache eines jeden selbst, wofür er sein Geld ausgibt“, entgegnete ich hitzig und meinte den Guru, den ich gar nicht kenne, verteidigen zu müssen. Herrje, die Pferde gingen innerlich mit mir durch. Ich selbst war plötzlich gar nicht mehr frei.

Zu Beginn der Feuerzangenbowle fragt einer der Herren seine ehemaligen Klassenkameraden:„Warum tut man das eigentlich? Warum macht man diesen Ulk mit seinen Lehrern?“ Ja, warum? Warum kämpfte ich so – äußerlich und innerlich? Warum regte ich mich so auf? Warum musste ich mich dagegen auflehnen – damals und heute noch immer? Jeder kann doch denken, was er will und sagen, was er will. Hauptsache, das Weihnachtsgebäck schmeckt lecker – oder nicht? Ich hatte darauf keine Antwort. Hier, am Esstisch meiner Eltern, mit der Sitzordnung von Jahrzehnten, kam ich nicht aus den alten Mustern heraus.

Und so stand ich Heiligabend 2012 vor einer Entscheidung: Mache ich jetzt weiter wie vor 35 Jahren, bleibe sitzen und unterdrücke meine Gefühle, um den Frieden zu wahren – oder mache ich es anders? Ich entschied mich für Letzteres.

„Barbara, du bist jetzt 47 Jahre und Diplom-Kauffrau, du machst das jetzt mal anders!“, sagte ich innerlich. Äußerlich stand ich auf mit den Worten „ich gehe“ und ging. Buuummm.

Einerseits fühlte ich mich grausam als weihnachtlicher Molotow-Cocktail. Andererseits war es ein unglaublich befreiendes Gefühl. Alle meine Erinnerungszellen drehten sich in diesem Moment um, als ob sie jetzt von einem starken, hufeisenförmigen Magneten von der anderen Seite angezogen würden. Etwas benommen setzte ich mich ins Auto und fuhr los. Meine Gefühle liefen crazy. Was war das jetzt? Wenn schon denn schon, schoss es mir durch den Kopf. Ich fuhr zum Frankfurter Flughafen, parkte mein Auto, ging zum Abflug und stellte mich vor die Anzeigetafel: Moskau, Dubai, München, Lissabon waren die letzten Flüge für den heutigen Tag. Meine Tasche war gepackt und ich wollte schon immer mal spontan wegfliegen.

Ich ging zum Schalter und sagte: „Ich will weg.“

„Wohin?“

Ich drehte mich um schaute nochmal auf die Tafel. Plötzlich wusste ich genau, was ich wollte: „Lissabon.“

Fünf Minuten später hatte ich mein Ticket. Vier Stunden später saß ich in einem kleinen, netten Hotel direkt am Rosio, einem wunderschönen Platz in Lissabons Stadtteil Baixa. Irgendwie schauten mich alle ein wenig verwundert an. Der Mann vom Flugschalter, der Taxifahrer, dem ich nur  „Hotel romantico“ sagte, die Rezeptionistin und ich selbst auch. Ich öffnete eine kleine Flasche Prosecco und trank auf das verrückte Weihnachten 2012.

Und Weihnachten in diesem Jahr? Moskau oder Dubai? Hamburg. Ganz einfach Hamburg. Entspannt. Nichts musste. Alles durfte. Nur zwei Wochen vor Heiligabend hatte ich kaum Geschenke besorgt. Trotzdem habe ich mich nicht stressen lassen nach dem Motto: Wir haben es warm. Wir haben zu essen. Alles ist gut. Alles andere darf Spaß machen. Mein Bruder, seine Familie und eine Freundin sind gekommen. Alle habe etwas zu essen mitgebracht. Gemeinsam haben wir noch gekocht. Wer wollte, ist in die Kirche gegangen. Der Weihnachtsbaum ist eine abgesägte Tannenspitze aus dem Garten – ein bisschen schräg und nur an einer Seite sind Äste. Die Plätzchen, die doppelten mit Marmelade dazwischen, schmeckten besonders lecker.

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind… und jedes Mal kann es anders sein, wenn du willst.  Vielleicht ziehst du Konsequenzen wie Pfeiffer mit drei f und lässt es mal so richtig krachen. Oder du pflegst die Traditionen. Drama oder Gans – wichtig ist nur, dass du dich selbst entscheidest.

Ich wünsche euch einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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5 Gedanken zu „32. Tube – Alle Jahre wieder

  1. Liebe Barbara, den guten Rutsch wünsche ich Dir auch. Weihnachten war ok bei mir, aber ich weiß genau, was Du meinst. Ich freue mich schon auf Deine inspirierenden Geschichten im kommenden Jahr. Deine Geschichten waren gute Momente in 2013. Danke.

  2. Hallo Barbara, haben die mit der Marmelade dazwischen immer noch ein kleines Loch in der Mitte. Sind bei meiner Familie auch die beliebtesten, bestimmt, weil ich schon ins schwärmen komme wenn wir sie backen. Ich hoffe Du hattest einen tollen Start ins neue Jahr. Grüße Aus Heilbronn – Grantschen

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