27. Tube – Polizei oder Bergpredigt


Polizist vor PolizeiautoEs gibt Situationen, die stehen auf Messers Schneide. Drama oder Gleichmut? Durchdrehen oder gelassen bleiben? Wer sich trennt, findet sich manchmal in völlig unbekannten Situationen wieder. 

Plötzlich steht er vor der Tür. Ein Lieferwagen in der Einfahrt.

„Ich will meine Sachen abholen.“

Alles fällt mir aus dem Gesicht. Nein, die Nase ist noch dran. Aber ich spüre, wie mir die Farbe aus dem Gesicht schwindet. Ich kriege kaum Luft.

„Das geht jetzt nicht“, sage ich. „Die Kinder sind da. So war das nicht vereinbart.“

„Du kannst ja die Polizei holen“, sagt er.

Wir hatten vereinbart, dass er vormittags um zehn Uhr kommt, um ein paar Dinge abzuholen. Ich hatte die Kinder extra deswegen mit einer Freundin auf einen Ausflug geschickt, damit sie nicht dabei sind, wenn ihr Papa Sofa, Schrank, Stühle aus dem Haus räumt und mitnimmt.

Er war zur vereinbarten Zeit nicht gekommen. Er hatte nicht angerufen.

Jetzt steht er hier und sagt, ich könne ja die Polizei holen. Die Kinder spielen in ihren Zimmern. Sie bemerken, dass jemand gekommen ist.

„Hallo Papa!!!“, jubeln sie. „Was machst du hier?“

„Ich hole meine Sachen ab!“

Ein großes Fragezeichen macht sich auf ihren Gesichtern breit. Ich merke, dass sie überlegen, wie sie reagieren sollen. Kinder im Alter bis sieben Jahre lernen vor allem durch Nachahmung. Diese Situation ist neu – für die Kinder und für mich. Ich weiß auch nicht, was ich tun soll. Gefühlt will jemand mein Haus ausräumen und ich stehe vor der Wahl, die Polizei zu holen.

So etwas habe ich nicht geplant. Ich kann auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen. Das kenne ich nur aus Krimis oder Reality-TV. Pures Leben an meiner Haustür. Ziemlich abgefahren – wie im Film. Ich in der weiblichen Hauptrolle. Die Spannung wird mit dramatischer Musik verstärkt. Die Bilder verlangsamen sich. Wie verhält sich die Protagonistin – wird sie die Polizei rufen? Wird sie sich ihm in den Weg stellen oder auf ihn losgehen? Vielleicht sogar ein Messer aus dem Messerblock in der Küche holen? Oder wird sie wehklagend zusammenbrechen? In Ohnmacht fallen ist auch eine Möglichkeit. Wird er über sie hinübersteigen und die Sachen aus dem Haus tragen – oder wird er ihr zur Hilfe eilen? Sie könnte ihn auch ablenken, schnell die Tür hinter sich zumachen und dann um Hilfe schreien. Oder ihn reinlassen und in der Zwischenzeit die Reifen zerstechen, sodass er nicht weg fahren kann… Ha! Sie könnte Superman um Hilfe rufen, der gleich angesaust kommt und ihn von hinten angreift und verjagt. Er würde die Hände schützend über seinen Kopf halten und davonlaufen. Was passiert wohl dann mit dem Lieferwagen?

Ach, es gibt so viele Möglichkeiten. Die Frage ist: Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen? Kleine Kinder schauen zuerst, wie die Erwachsenen reagieren. Zum Beispiel beim Hinfallen: Sie liegen auf dem Boden, verharren und schauen, ob es jemand gesehen hat. Hat keiner zugeschaut, stehen sie auf und laufen weiter. Haben aber Mama, Papa, Oma oder Opa den Sturz beobachtet und verziehen mitfühlend das Gesicht, dann fangen sie an zu weinen. Zumindest bei kleinen Kindern ist das so. Sobald sie gelernt haben, dass Hinfallen schlimm ist, dann geht es auch ohne die Aufmerksamkeit eines anderen. Faszinierend, wie das funktioniert, nicht wahr?

In den Trümmern meines eingestürzten Ehekartenhauses stehe ich allein an der Haustür. Keiner schaut mir zu und Superman kommt auch nicht. Ich verharre einen Moment und entscheide mich intuitiv für die Methode der Volks- und Raiffeisenbanken: Ich mache den Weg frei.

Meine Freundin, kaum mit den Kindern vom Ausflug zurück, ist glücklicherweise noch da und geht gleich noch mal mit den Kindern zum Spielplatz. So stehe ich nun im Hausflur und schaue mir die Räumsaktion an – am Anfang noch schockiert.

„Soll ich mich jetzt aufregen oder besser einfach nur Mitleid haben für dieses unmögliche Verhalten?“ überlege ich.

Ich nutze die Zeit für eine kleine Einkehr in der Küche – hier wird er so schnell nichts mitnehmen wollen – und beginne damit, tief ein- und auszuatmen. Ich schüttele den Kopf. Unfassbar. Da sagt mein Noch-Ehemann zu mir: „Hol doch die Polizei.“ Wir sind seit zwölf Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und unzählige Stunden miteinander verbracht. Nie habe ich mir vorstellen können, mich einmal in einer solchen Situation wiederzufinden. Er läuft an mir rein und raus. Ich könnte jetzt einfach meinen Fuß ausfahren… Ups, Entschuldigung… Traue mich aber nicht.

Schließlich kommt mir der Tipp einer Freundin, die die Scheidung bereits hinter sich gebracht hat, in den Sinn: „Barbara – streite dich nicht um Dinge wie Möbel. Die willst du sowieso nicht haben. Da gehst du zu Ikea und kaufst neue.“ Ja. Recht hat sie. Endlich habe ich wieder Platz im Regal. Da standen sowieso zu viele Ordner drin. Ein neues Sofa wollte ich schon längst haben. Je mehr er mitnimmt, desto weniger muss ich wegwerfen.

Während er räumt und trägt und schleppt, sitze ich mit einem Tee am Küchentisch und fange schon mal an, mich auf die neuen Sachen zu freuen und im Geiste das Haus umzugestalten. Erstaunlich, wie schnell ich mich an den Gedanken gewöhne. Ich weiß, dass ich richtig entschieden habe. Hätte ich die Polizei gerufen, wären sie jetzt vielleicht gerade mal am Tatort eingetroffen. Bis hierhin hätte ich mich schon 30 Minuten aufregen müssen, um ihnen authentisch meine Lage vorzutragen. Dann hätten wir noch mindestens eine halbe Stunde vor den Beamten gestritten. Der Abend wäre ruiniert gewesen. Zusätzlich hätte ich in den folgenden Tagen vier bis fünf Mal Freunden die Geschichte mit entsprechendem Adrenalinausstoß erzählt. Den anschließenden Briefverkehr eingerechnet hätte das in Summe mindestens 20 Stunden Stress gekostet. Nein. Dann lieber eine neue Einrichtung.

Nach kaum einer halben Stunde und einem vollen Lieferwagen geht die Aktion dem Ende entgegen. Was sagte Jesus bei der Bergpredigt? „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin…“

„Kann ich dir helfen, noch etwas rauszutragen?“, frage ich und fühle mich gut dabei.

Es hätte auch ganz anders ausgehen können.

Der Lieferwagen fährt ab und ich winke hinterher.

Bis die Kinder vom Spielplatz zurückkommen, sauge ich den alten Staub aus der Ecke, wo einmal unser Sofa gestanden hat. Für mein neues Sofa schwanke ich noch zwischen pink und grün. Mal sehen, was die Kinder meinen.

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4 Gedanken zu „27. Tube – Polizei oder Bergpredigt

  1. …ja Barbara man möchte immer gern gleich weiterlesen!!!
    Wieviele Menschen sind genau in der Situation und sollten diesen Text unbedingt lesen, weil er einfach Kraft gibt und den besseren Weg aufzeigt!
    Toll wie Du schreibst!
    Liebe Grüße
    Rita

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