26. Tube – Ich packe meinen Koffer


IMG_0012Ich hatte angerufen, ob ich sofort kommen könne. Ja, hatte sie gesagt. Es war genau noch ein Zimmer frei. Ich brauchte eine Auszeit. 

Manche Frauen drehen durch, wenn das Kartenhaus, das sich Ehe nannte, auf einmal in sich zusammenklappt wie das World Trade Center am elften September. Sie öffnen das Fenster, nehmen seine Sachen und schmeißen einfach alles raus. Zack – weg! Andere Frauen werden ganz ruhig – extrem ruhig. Das absolute Notfallprogramm schaltet sich ein. Wie in Filmen, in denen der Präsident der Vereinigten Staaten eine schwere Entscheidung zu treffen hat. Drückt er den roten Knopf – ja oder nein? Die Augen der anderen sind auf ihn gerichtet. Er zieht sich zurück, um in sich zu hören und ganz alleine, ohne Druck von außen eine Entscheidung zu treffen.

Ich gehöre zur zweiten Sorte. Innerhalb von 36 Stunden packe ich meinen Koffer. Meine Eltern kümmern sich um die Kinder. Ich nehme den Flieger Hamburg-München und den Zug nach Prien am Chiemsee. Ich betrete einen Dampfer namens MS Barbara und bin in einer anderen Welt. Japaner, Italiener und Amerikaner sitzen um mich herum und essen warme Würstchen mit Senf und Brötchen. Der See liegt ruhig da. Es ist frisch an diesem Frühlingstag, die Luft ist klar. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt.

Ganz intuitiv hatte ich gehandelt. Ich war nicht durchgedreht. Stattdessen hatte eine ganz ruhige Stimme in mir gesagt: “Barbara, du musst raus – sofort. Alles abschalten. Alle Leitungen kappen. Ruhe. Absolute Ruhe brauchst du jetzt.“ Telefonisch hatte ich mich erkundigt, ob ich sofort kommen könne, weil ich dringend eine Auszeit bräuchte. Ja, hatte sie gesagt. Es sei genau noch ein Zimmer frei.

Auf der Insel angekommen, melde ich mich an der Pforte und werde durch das große schmiedeeiserne Tor eingelassen. Ich stehe in einem liebevoll gestalteten Innenhof. Frühlingsblumen blühen. Von hinten sehe ich, wie sich eine kleine, schwarz gekleidete Gestalt nähert. Geruhsamen Schrittes und mit strahlendem Gesicht kommt Schwester Klara auf mich zu und begrüßt mich: “Grüß Gott. Sie sind sicher Frau Moutarde. Herzlich willkommen bei uns im Kloster.“

Sie zeigt mir mein Zimmer im Gästehaus. Alles ist sehr einfach. Einzelbett, Tisch, Stuhl – wie bei Oma. Ich schaue aus dem Fenster und habe einen gigantischen Blick über den See auf die schneebedeckten Alpen. Ich öffne es und atme tief durch. Schon oft hatte ich mich gefragt, wie es wohl in einem Kloster zugeht, mich jedoch nie getraut dort einzukehren. Jetzt ist die Zeit reif dafür. Ich will allein sein, aber nicht einsam. Auch wenn ich spüre, hier richtig zu sein, habe ich dennoch etwas Angst. Noch nie war ich alleine im Urlaub und dann gleich in einer total ungewohnten Umgebung. Ach, die werden mir schon nichts tun, beschließe ich, die kennen doch sicher die zehn Gebote.

Die Tage verbringe ich mit Essen, Schlafen, Lesen und Spazierengehen. Ich lasse mich einfach treiben. Sitze auf der Bank mit Blick auf See und Berge. Ich beobachte die Wellen, das Wolkenspiel und die Tagesgäste, die hier auf die Insel kommen. In den ersten vier Tagen fühle ich mich unwohl, weil ich gefühlt eigentlich nichts tue. Wie lange ist das her, dass ich einfach mal meine Seele hab baumeln lassen? Ich erinnere mich nicht.

Nach den ersten zwei Tagen werde ich neugierig, was die Schwestern wohl den ganzen Tag machen, und nehme an Gebetsstunden teil, die nur ihnen und den Hausgästen vorbehalten sind. Viermal am Tag kommen sie in der Kapelle zusammen: Die Laudes, Morgenandacht, beginnt um sechs Uhr. Danach wird gefrühstückt und gearbeitet. Um viertel vor zwölf dann die Mittagsandacht. Nach dem Mittagessen und einer Erholungspause gehen die Schwestern wieder ihrer Arbeit nach. Nachmittags um fünf dann findet die Vesper statt. Und abends nach dem Abendessen um neun schließlich die Abendandacht. Ich genieße die Stimmungen in den Andachten sehr. Entweder lesen alle gemeinsam lateinische Bibeltexte oder singen Choräle. Für mich ist das wie Meditation. Mein Kopf schaltet das Denken ab.

Mich überrascht, dass die Schwestern echte Menschen sind. Ich weiß nicht so richtig, was ich eigentlich erwartet hatte, Marsmännchen? Ich erlebe, dass die Schwestern hier so unterschiedlich sind wie die Menschen auf der Straße. Schwester Scholastika ist die kernigste hier. Sie leitet den kompletten Seminarbetrieb. Ungefähr 300 Seminare finden hier pro Jahr statt – zum Großteil auch mit Übernachtung der Teilnehmer im Kloster. Eine anspruchsvolle Managementaufgabe. Festen Schrittes marschiert sie durchs Kloster. Mit einem Golf-Cart fährt sie an mir vorbei, um neue Gäste am Anleger abzuholen. Sie erkennt mich und hält an, wir unterhalten uns. Ein bayerisches Urgestein der Insel kommt vorbei und ruft: “Grüß Gott Schwester Scholastika. Jo mei, gehn Sie wieda Golf spieln heut?“ Wir lachen. Ich gehe weiter in den Klosterladen.

In der Souvenirabteilung gibt es äußerst leckere Klosterspezialitäten – Marzipan und Klosterschnaps. Auch wenn ich sonst so gut wie keinen Alkohol trinke, habe ich bis heute immer eine Flasche davon zu Hause und genehmige mir ab und an ein Schluck dieser Kräutermedizin. Im hinteren Teil des Ladens befindet sich die Buchhandlung. Ich laufe an den Regalen vorbei und greife nach einem Buch, das mich auf magische Weise anzieht: „Der innere Raum“. Ich kaufe es und beginne gleich am Abend mit dem Lesen: „Ich erlebe immer wieder Menschen, die darunter leiden, dass andere sie bestimmen…“ Das Gefühl passt und ich verschlinge das Buch in dieser Nacht. Am Ende ist klar: Es gibt einen Raum in mir, den ich wieder groß machen will, um mich selbst wieder zu fühlen, statt nur zu funktionieren und das zu tun, was andere von mir erwarten. Dem Himmel sei Dank für diese Erkenntnis! Die Angewohnheit, einfach ein Buch zu greifen und an einer beliebigen Stelle aufzuschlagen, nehme ich, wie den Klosterschnaps mit nach Hause. Und „wundersamerweise“ bringt mich bis heute noch jede Passage, die ich auf diese Weise lese, einen Schritt weiter.

Schwester Elisabeth kümmert sich um den Klostergarten. Mit „Wulle, wulle, Gänschen“ lockt sie die Klostergänse abends ins Gehege, damit der Greifvogel sie sich nicht schnappen kann. Ich spreche sie an. Was denn ihr lustigstes Erlebnis bisher im Kloster war, möchte ich wissen. Sie erzählt, wie ein Besucher sie einmal fragte, ob das denn ein Kostüm sei, was sie anhatte. Sie lacht und sagt: „Was die Menschen sich manchmal denken… Unglaublich!“

Eine Schwester ist noch nicht so lange hier. Sie trägt eine weiße Haube statt einer schwarzen. Nach ihrer der Trennung von ihrem Ehemann ist sie ins Kloster gekommen. Ihre Kinder leben jetzt bei ihrem Ex-Mann… Eine Variante für das Leben nach der Trennung, an die ich bis dahin noch gar nicht gedacht hatte. Aber auch wenn diese Insel einer der schönsten Flecken der Erde ist und das Essen lecker schmeckt, verwerfe ich diesen Gedanken jedoch gleich. Nein, lieber nicht. Ich kann nicht so hoch singen.

Am Ende meiner Einkehr begleitet mich Schwester Klara zum Anleger. Ich steige auf den Dampfer. Wenig später tutet das Dampferhorn zum Abschied. Schwester Klara steht auf dem Steg. Sie zieht unter ihrer Ordenstracht ein riesiges weißes Stofftaschentuch heraus und schwenkt es hin und her, wie in einem Schwarz-Weiß-Film aus den Sechzigerjahren. Mir kommen vor Rührung die Tränen. Und schon jetzt freue ich mich auf den nächsten Besuch, bei dem ich wieder ein neues Kapitel aufschlagen werde.

Nach zwei Wochen bin ich endlich zur Ruhe gekommen. Neben dem Klosterschnaps und dem intuitiven Buchaufschlagen habe ich auch diese Ruhe in meinen Koffer gepackt. Die Reise hat gerade erst begonnen.

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3 Gedanken zu „26. Tube – Ich packe meinen Koffer

  1. Liebe Barbara, danke für Deinen Reisebericht. In dieser Lebenslage eine Auszeit zu nehmen ist sicher eine mutige und kluge Entscheidung. Ich habe einmal etwas ähnliches getan in einer ähnlichen Situation. Schön, dass es solche Orte und Menschen gibt, wo man seinen inneren Raum wieder öffnen kann. Wie Deine „Schwestern“, bei denen Du allen Raum bekamst, den Du brauchtest um wieder bei Dir selber anzukommen. Ich finde, es zeugt von großer innerer Kraft, unter extremem Druck so die Ruhe zu bewahren. Das nenne ich Talent zum Überleben. Ich wünsche Dir weiterhin ein gute Reise.

  2. Hi Barbara, oft wenn dein Text mich fesselt, möchte ich gerne weiterlesen in der Hoffnung, dass daraus eine spannende Story wird. Und auf einmal ist sie zu Ende. Schreib mal was längeres gerne mit Happy End!! Jörg

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