25. Tube – Deckel ab


Senf aus der TubeEinmal kräftig durchkneten: Auch wenn der Eheberater nicht unbedingt deine Ehe rettet – vielleicht rettet er dich.

Mein damaliger Ehemann hatte also zugestimmt, mit zum Eheberater zu gehen. Tja, und was passiert, wenn du auf eine Senftube drückst und sie ist zugeschraubt? Gar nichts. Du knetest die Tube und sie verformt sich. Aber Senf kommt erst einmal nicht heraus. So war das ungefähr bei unserem Vorhaben, die Ehe mit einem Eheberater zu retten. Ich glaube, ich habe das Ganze vor allem deswegen angefangen, damit ich mir später nicht vorwerfen kann, ich hätte es nicht versucht. Aus heutiger Sicht waren die Besuche bei den Eheberatern – es wurden mehrere – ein hervorragendes Training. Damals habe ich das allerdings überhaupt nicht so gesehen.

Der erste Termin bei einer Paartherapeutin war schnell vereinbart.

Gleich zu Beginn steckte ich mein Terrain klar ab: „Ich möchte meine Gefühle äußern dürfen und nicht über deren Richtigkeit diskutieren!“

„Warum sprechen wir denn überhaupt über schlechte Gefühle? Wenn etwas zu retten ist, dann sollten wir uns mehr aufs Positive konzentrieren“, erwiderte mein damaliger Mann.

Ich war empört: „Wir müssen doch auch mal über die negativen Dinge sprechen können. Wir müssen an der Beziehung arbeiten. Ich will nichts mehr beschönigen!“

Herrje. Die Hälfte der Sitzung verbrachten wir mit dieser Diskussion. Frau regt sich auf und kämpft um die Ehe. Mann gibt sich entspannt und weiß gar nicht so recht, warum Frau sich so aufregt. Es könnte doch so einfach sein. Und im Nachhinein muss ich sagen: Ja, stimmt! Ich war überzeugt davon, dass man an einer Beziehung arbeiten müsste. Und Arbeiten bedeutete, dass es hart und anstrengend sein musste, damit es gelingt.

So ein Blödsinn, denke ich heute. Er hatte doch Recht! Eine glückliche Beziehung lebt doch von den schönen Erlebnissen und Gefühlen und nicht von der harten Arbeit. Wenn sich Mann und Frau jeden Tag gegenseitig gut tun und sich jeden Tag wieder ineinander verlieben, dann kann das doch nur klappen. Hätte ich das doch damals nur so sehen können! Ich hätte viel früher das Gefühl zulassen können, dass etwas nicht stimmt und dass ich mich nicht wahrgenommen und geliebt fühlte. Dann hätte ich diese Sitzung ganz friedlich verlassen können mit der vollen Erkenntnis, dass mich dieser Weg nicht weiterbringt.

Ich war kürzlich im Kinofilm „Der Schlussmacher“. Mathias Schweighöfer spielte darin einen Schlussmacher, der im Auftrag seiner Kunden deren Beziehungen beendete. Selbst hatte der Schlussmacher eine total süße Freundin. Nur merkte er leider nicht, wie er sie ständig verletzte. Sehr liebevoll wies sie ihn darauf hin, was er jedoch überhaupt nicht wahrnahm. Sie erkannte, dass die Beziehung nicht das ist, was sie sich wünschte und trennte sich ganz in Frieden. Sie versuchte nicht, um seine Aufmerksamkeit zu kämpfen. Er wollte nicht und sie erkannte das. So einfach kann es sein.

Ich dachte damals noch, dass Kampf der richtige Weg sei und fuhr im Beratungstermin damit fort, auch noch die Eheberaterin unter Druck zu setzen. Ich verlangte ihre Zustimmung zu meiner Sichtweise, dass er entscheidende Fehler gemacht habe. Ich wollte darüber gar nicht diskutieren – sondern die Bestätigung einer diplomierten Psychologin, dass ich Recht hatte! Und das gelang mir schließlich. Ich freute mich, war zufrieden und mein Ex-Mann lehnte jeden weiteren Besuch bei dieser Beraterin ab. Toll.

Auf der Rückfahrt stritten wir heftig weiter. Ich saß am Steuer und schrie:

„Ich will nicht mehr so weitermachen!“ Gleichzeitig drückte ich das Gaspedal nach unten. Ich liebe es Gas zu geben.

Er schrie: „Stopp!“ und zog die Handbremse.

Ist das nicht symbolisch – ich drückte auf die Tube und er hielt den Deckel drauf. Wie beim Wienerwalzer kreiselten wir so über die nasse, glatte Fahrbahn. Drei- bis viermal drehten wir uns, bis wir schließlich unbeschadet zum Stehen kamen. Zum großen Glück hatten wir keinen Gegenverkehr.

Davon immer noch nicht genug, suchten wir den nächsten Paartherapeuten, Herrn Wagner, auf. Herr Wagner ließ jeden von uns seine Sichtweise von einem aktuell schiefgelaufenen Ereignis berichten.

Es war erstaunlich. Er kommentierte unsere Beschreibungen mit: „So wie Sie beide das erzählen, könnte man glauben, dass Sie gar nicht vom selben Erlebnis sprechen. Sie erzählen zwei komplett unterschiedliche Geschichten.“

Herr Wagner hatte es auf den Punkt gebracht. Die Wahrnehmung meines Ex-Mannes hatte gar nichts mit meiner zu tun. Kein Wunder, dass es mit uns nicht klappen konnte. Ein Urlaub im Robinson Club hat schließlich gar nichts mit einem Urlaub im chinesischen Hinterland gemein. Wir lebten fröhlich – ich weniger fröhlich – jeder in seiner eigenen Welt. Der eine sprach chinesisch und der andere russisch, und wir wussten kaum etwas über die Welt des anderen. Rechthaben war der hoffnungslose und total unnötige Versuch, den anderen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen.

Herr Wagner war hervorragend. Das wurde mir bewusst, als er mir eine Frage stellte, die mich zum Umdenken brachte. Erst im Nachhinein wurde mir klar, welches Geschenk er mir mit dieser kurzen Frage machte.

„Kann es sein, dass Sie, Frau Moutarde, Ihre Fröhlichkeit an Ihren Ehemann delegiert haben?“

Pafff. Wieder ein Treffer.

„Was? Ich soll selbst entschieden haben, dass ich nicht mehr fröhlich sein möchte? Das kann doch nicht…“, widersprach es in mir.

Es kann sein. Und es war genauso. Ist es nicht toll, was eine gute Frage von außen bewirken kann? Es bringt alles durcheinander und wieder in Bewegung.

Heilsamer Widerstand regte sich in mir. „Ich will wieder fröhlich sein!“

Leider regte sich auf der anderen Seite nicht viel. Meine weiteren Bemühungen, in alter Manier auf der Tube rumzudrücken, beendete Herr Wagner mit dem Satz: „Frau Moutarde. Sie können nichts mehr tun.

Er bot außerdem an, den Deckel von der Tube zu schrauben und fragte: „Herr Moutarde – welche Unterstützung brauchen Sie von mir?“

Keine Antwort ist auch eine Antwort. So beendeten wir unsere Sitzungen.

Damit endeten nicht nur die Besuche beim Eheberater, ich traf damit auch eine Entscheidung für mich. Wir beendeten unsere Beziehung endgültig. Er zog aus.

Und ich? Ich krempelte mein Leben von Grund auf um. Das erste Ziel hatte ich klar vor Augen: Ich wollte wieder fröhlich sein. Deckel ab und lachen! Ein großer Schritt in diese Richtung war getan.

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2 Gedanken zu „25. Tube – Deckel ab

  1. Liebe Barbara, das klingt jetzt alles sehr klar und konstruktiv. Fröhlichkeit ist ein sehr schöner Ausgang für so einen Beziehungssturm. Meinen Glückwunsch und Danke für den Filmtipp. Schaue ich mir mal an.

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