23. Tube – Grenzwertig


ICEVorgestern habe ich mich spontan entschieden nach Süddeutschland zu fahren. Soll ich das Auto nehmen, oder doch lieber den Zug? Mit dem Auto bin ich flexibel – einsteigen und los. Im Zug kann ich lesen, mal die Augen zumachen… Zug! Mit so einer erlebnisreichen Fahrt hatte ich jedoch nicht gerechnet… 


In aller Herrgottsfrühe um 3 Uhr 50 bin ich aufgestanden und steige jetzt in den ICE am Hamburger Hauptbahnhof. Ich gehe die Reihen entlang, um einen nicht reservierten Platz zu finden. Noch ist der Zug leer. Ich hieve meine Reisetasche in die Gepäckablage und mache es mir an einem Tisch gemütlich. Ach wie schön, es war die richtige Entscheidung mit dem Zug zu fahren! Ich bin noch ein wenig müde und mache erst einmal die Augen zu. Der ICE setzt sich langsam in Bewegung. Ganz sanft werde ich hin- und hergeschaukelt. Ich erinnere mich an die Zeit, als meine Kinder noch klein waren. Was haben wir manchmal nicht alles veranstaltet, um sie zum Schlafen zu bringen. Gut funktioniert hat es, sie im Maxi Cosi auf die Waschmaschine zu stellen – auf die laufende natürlich. Sie rüttelte, brummte und vibrierte und die Kinder fielen sofort in einen tiefen Schlaf.

So geht es mir jetzt auch. Meinen Kopf auf die linke Hand gestützt, schlafe ich ein. An der nächsten Station werde ich unsanft geweckt. Eine Horde von brüllenden Ochsen fällt ein. Bestimmt 20 Männer trampeln lauthals Sprüche klopfend in den Großwagen. Sie besetzen alle Reihen um mich herum. Oh nein! Ich verdrehe die Augen. Ich hätte doch die erste Klasse buchen sollen. Jetzt schaue ich mir die Typen genauer an. Alle sind so zwischen 40 und 60. Sie tragen schwarze Jeans, karierte Hemden und schwarze bequeme Halbschuhe. Sie haben diesen etwas provozierenden Blick drauf. Wenn sie zu mir schauen, senke ich meine Augen sofort, um ja keinen blöden Spruch abzukriegen. Solche Machosprüche, die ihren Kumpels beweisen sollen, wie mutig sie sind – nach dem Motto: „Na, junge Frau. Wollen wir mal Kaffeetrinken!“ Sie scheinen Kollegen zu sein. Ich belausche ihr ihr Gespräch und finde heraus, dass ich mit meinen Vermutungen recht nah an der Wahrheit liege. „Das können die nicht von mir verlangen, als unqualifizierte Kraft mit Hauptschulabschluss. Das müssen die Facharbeiter machen. Wozu sind die denn da?“ brummt der eine angriffslustig. „Wir fordern feste Feiertage!“ – „Egal was passiert, ich gehe dagegen an“, geht es hin und her. Puuuh. Ein einziges Machtspiel und Kräftemessen von Altbullen. Auch die anderen Fahrgäste halten möglichst viel Abstand von der Bullenhorde.

Ich stehe auf, um zur Toilette zu gehen. In diesem Moment schaukelt der Zug und mich haut es über den Tisch der Nachbarn. „Joooh. Kommen Sie zu uns! Hohoho“, grölt einer. Hab ich es doch gewusst! Meine Grenze ist jetzt überschritten. Nach dem Klogang setze ich wie meine Sitznachbarin die Kopfhörer auf und höre Musik. In Nürnberg muss ich umsteigen – zum Glück.

20 Minuten später geht es weiter mit dem ICE nach Augsburg. Ich setze mich an einen leeren Tisch direkt an der Tür. Am Tisch gegenüber sitzt eine junge Frau mit einem blonden, quirligen Jungen, so etwa zwei bis drei Jahre alt. Er rennt immer hin und her. Die automatische Tür öffnet sich. Er rennt raus. Die Tür schließt sich. Er rennt durch den Vorraum, dreht um und rennt zurück. Die Tür öffnet sich und er läuft durch das gesamte Abteil bis zum Ende. Bleibt stehen und schaut zu seiner Mutter, die er jetzt wohl ganz klein sieht. Und wieder zurück. Oh, ich erinnere mich, wie toll ich es fand aus der Entfernung Dinge ganz klein zu sehen und sie dann ganz groß zu sehen, sobald ich wieder davor stand. Besonders liebte ich auch automatische Türen. Dann erspürte ich mit dem Fuß, wo genau die Stelle war, um den Automatismus auszulösen. So ein Spaß! Mit sichtlich großer Freude betreibt der Junge dieses Spiel.

Nach dem dritten Mal sagt die Mutter: „Benjamin. Jetzt hörst du mal auf. Setz dich an den Tisch.“

Oh nein, das macht doch so einen Riesenspaß, denke ich und sage: „Lassen Sie ihn doch. Für mich ist das in Ordnung.“

„Echt? Der Mann, der vor Ihnen auf dem Platz saß, hat sich gestört gefühlt.“ Sie ist erleichtert und trotzdem irgendwie mit ihren Kräften am Ende. Fünf Stunden sind sie unterwegs. Sie bringt ihn für ein paar Tage zu seinem Vater. Ich weiß, wie sie sich fühlt. Gleichzeitig freue ich mich, so einen fidelen Jungen hier zu sehen. Eine sehr willkommene Abwechselung nach den störrischen Altbullen.

„Hast du schon mal einen Flieger gebaut?“, taste ich mich vor. Vorsichtig und zugleich neugierig lugt er hinter seiner Mutter hervor. Ich zieht ein Blatt heraus und fange an, einen Papierflieger zu basteln. Benjamin steht jetzt neben mir und zieht die Kanten mit seinen kleinen Fingerchen glatt. Jetzt lassen wir den Flieger durchs Abteil fliegen. Benjamin und ich sind hingerissen. Es ist so schön ihm zuzusehen, wie er sich begeistert, ausprobiert und sich Neues einfallen lässt. Jetzt dreht er den Flieger um und lässt ihn rückwärts starten. Dann wird das Flugzeug zu einen Schiff und fährt über den Tisch, der zum Meer geworden ist. Er zieht seinen Pulli aus, so ein Seemann friert doch nicht! Er geht völlig in seinem Spiel auf. Er geht völlig in seinem Spiel auf. Die Mutter ist immer noch sichtlich angespannt und beschließt jetzt, dass Benjamin genug hat. Er muss sich hinsetzen.

„Benjamin. Setz dich hin. Es reicht. Du bist verschwitzt. Du wirst krank. Ich will nicht mehr, dass du rumrennst.“

Benjamin fängt an zu weinen. Hinsetzen? Das hat doch alles so viel Spaß gemacht! Ich spüre, dass er nicht begreift, warum er zur Ruhe kommen soll. Ich übrigens auch nicht. Gleichzeitig fühle ich mit der Mutter mit, die alles andere als entspannt ist und sich die ganze Zeit Sorgen macht, dass ihr Sohn jemanden im Abteil stören könnte. Ist das der Punkt, an dem es anfängt, dass Kinder zu schrägem Verhalten erzogen werden? Vollbremsung in der größten Freude? Erziehung heißt Grenzen setzen. Ja, aber welche Grenzen sind denn damit gemeint? Darf der Erwachsene einfach beliebig eine Grenze bestimmen, die er dann mit Kraft des Größeren durchsetzt? Wo führt das hin? Zu Arbeitsbullen, die sich gegen ihre Vorgesetzten und alle Vorschriften auflehnen – Hauptsache dagegen. Wo ist das Verständnis füreinander, frage ich mich. Heißt Beziehung nicht, auch die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen? Das gilt für menschliches Miteinander im Allgemeinen genau wie für Paarbeziehungen.

„Benjamin, komm, ich lese dir etwas vor“, sage ich. Und so schauen wir uns gemeinsam noch ein Pixi-Buch mit Tieren an. Erstaunlich, er kennt alle Tiere darin. Den Buntspecht, die Libelle, das Pfauenauge… mit zweieinhalb Jahren. Toll!

Beim Aussteigen sagt Benjamin zu mir: „Komm mit Frau.“ Ich lache und drücke ihn zum Abschied.

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2 Gedanken zu „23. Tube – Grenzwertig

  1. Liebe Barbara, danke für Deine Geschichte und für den Denkanstoß darin: Wenn Menschen noch klein und niedlich sind, ist das Ausprobieren ihrer Grenzen ein Fragespiel, das nach einer ganz bestimmten Antwort sucht: Bis hier ist es ok. Aber ab hier reicht es und geht auf Kosten der anderen. Wenn die lieben Mitmenschen dann mit 40+ noch die ganze Bahn unsicher machen, hätten wir ihnen eine andere „Kinderstube” gewünscht. Ich würde es einfach einen Mangel an Aufmerksamkeit und Achtsamkeit nennen. Ein Phänomen unserer Zeit?

    • Lieber Olav, Aufmerksamtkeit und Achtsamkeit für uns und andere kann es nie genug geben – denke ich. Ein Phänomen unserer Zeit? Bestimmt und vielleicht, weil wir soviel Raum und Zeit heute haben, uns darum zu kümmern. Vielen lieben Dank für deine Gedanken und herzliche Grüße Barbara

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