24. Tube – Ich will wieder spielen


Kids playing on  beach.„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, sagte Friedrich Schiller. Wann hast du zuletzt gespielt und wie hat sich das angefühlt?

Ich liege im Bett. Mit einem Lächeln bin ich aufgewacht. Ich bin alleine und fühle mich ganz zufrieden. Ich liege in weißer, frischer Bettwäsche. Alles hell und frisch duftend – herrlich. Die Sonne ist schon aufgegangen, der Himmel ist strahlend blau. Alles ist noch ruhig an diesem Feiertag.

Etwas ist anders. Noch vor wenigen Wochen tobte Krieg in mir. Meine inneren Stimmen beschimpften mich und trieben mich an. Hauptsächlich mit: „Streng dich an! Du musst viel mehr machen. Du musst perfekt sein.“ Wenn ich jetzt nur daran denke, schnürt sich mein Hals zu. Ich will das nicht mehr! Mein Kopf fühlte sich dann an wie eine Maschine. Zahnräder trieben sich gegenseitig an. Alles lief starr ineinander. Jahrzehntelang hatte es gut funktioniert. Dann rieben die Teile immer mehr aneinander. Es ging langsamer und langsamer. Späne fielen. Und irgendwann verhakten sie sich total – bis zum Stillstand. Rien ne va plus. Nichts ging mehr. Stillstand.

Heute ist etwas anders. Ich höre keine Stimmen, die mich antreiben. Mir kommt das Lied von Annett Louisan in den Sinn. „Ich will doch nur spielen…“ Wie war das als Kind? Wie habe ich gespielt? Wie habe ich mich gefühlt? Habe ich mich angestrengt?

Ich erinnere mich. Ich bin morgens aus dem Bett gesprungen und wollte so schnell wie möglich nach draußen. Wir wohnten neben einem Bauernhof. Gegenüber war ein Bolzplatz, dahinter ein kleiner Bach. Auf der anderen Seite lag ein kleines Weidenwäldchen mit hervorragenden Kletterbäumen. Ein Traum. Ich bin raus auf die Straße und habe erstmal geschaut, ob schon Nachbarskinder draußen sind. Am liebsten habe ich mit den Jungs vom Bauernhof gespielt. Wir sind ins Wäldchen gezogen und haben geheime Unterschlupfe gebaut, Detektiv gespielt und Fälle gelöst. Wir haben in Gummistiefeln den Bach erkundet und Kaulquappen gefangen, die Kühe vom Stall auf die Weide getrieben und Höhlen im Heuschober gebaut. Verliebt war ich in Captain Kirk von Raumschiff Enterprise. Am helllichten Tag haben meine Brüder und ich uns die Schlafanzüge angezogen – dunkle Hose und gelbes Oberteil. Aus Goldpapier schnitten wir das V-Zeichen aus und hefteten es an die Brust. Den ganzen Tag war ich in Aktion und hatte ständig neue Einfälle. Ich habe nicht „nachgedacht“. Wir haben den Kopf dafür eingesetzt, um unentwegt neue Spiele auszudenken. Das, was nicht da war, haben wir in unserer Fantasie erzeugt. Wir stimmten uns ab, stellten Mannschaften zusammen und entwarfen Baupläne für Flitzebogen. Das war alles so geil! Entschuldigung für diesen Ausdruck, aber er trifft es genau auf den Punkt!

Wo ist das alles hin? Ich will dieses Lebensgefühl wiederhaben. Wie geht das, es in das Erwachsenenleben zu übertragen? Wie macht es Richard Branson? Er hat ständig neue Ideen und gründet am laufenden Band neue Firmen. Die Ideen werden immer verrückter. „Entspann dich“, rät er. Ja, als Kind – vor der Pubertät – war ich nur entspannt! Nach Schiller ist der Mensch nur da ganz Mensch, wo er spielt. Das Spiel sei eine menschliche Leistung, die allein in der Lage sei, die Ganzheitlichkeit der menschlichen Fähigkeiten hervorzubringen.

Ja, es war herrlich als Kind. Im Sandkasten haben wir Burgen gebaut. Besonders spannend wurde es, wenn wir einen geheimen Tunnel unter der Burg hindurch gruben. Ich von der einen und ein Freund von der anderen Seite. Treffen sich unsere Hände? Hält die Burg der Untertunnelung stand? Ich hatte keine Angst oder Sorgen. Stattdessen war ich voller Spannung und Neugierde, ob es klappt. Ich atmete kaum und grub Zentimeter für Zentimeter weiter. Der Arm steckte bis zur Schulter im feuchten Sand. Da endlich spürte ich etwas Weiches, die andere Hand. Die Freude war riesig. Manchmal ist die Burg zusammengebrochen. Das tat der Freude auch keinen Abbruch. Nach einem kurzem „oh schade – na und“ haben wir wieder von vorne angefangen.

Ist das nicht toll? Genauso wünsche ich es mir wieder. Denn es gibt sie, die Tage, an denen auch Erwachsene einfach sorglos sein und Vertrauen haben können in alles, was kommt. Die Kunst ist herauszufinden, wie das geht.

Ich will wieder spielen…mmmh… Ich schlage die Bettdecke zurück und gehe barfuß in den Garten.

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3 Gedanken zu „24. Tube – Ich will wieder spielen

  1. Wow, Barbara. Stimmt – und spielend haben wir uns Dinge zugetraut … einfach weil wir daran glaubten. Du hast recht – diesen Weg zum Spielen zurückzufinden … zum Träumen … zu dieser Leichtigkeit, mit der wir uns und unsere Welt erfunden haben … immer wieder neu. Wir waren doch Helden. Und Du meinst wirklich wir könnten … Oh, das ist eine großartige Idee. Als Kinder haben wir Ideen einfach in die Tat umgesetzt. Und wenn es nicht geklappt hat, gab es eine neue Idee. Bestimmt haben wir nicht lange gegrübelt. So oder so war es immer spannend. Ja, lasst uns wieder spielen. Wer hat eine Idee?

    • Also los! Was ich schon immer mal machen wollte:
      Zum Flughafen und den zehnten Flieger nehmen.
      Aufs Fahrrad und los – mal schauen, wo wir rauskommen.
      Einen stabilen Kinderwagen nehmen, einer legt sich rein und der andere schiebt.
      Wir sollten uns regelmäßig treffen und unsere Energien konzentrieren. Wir werden uns eines Tages von einer Stelle zur anderen beamen können!
      Was wollt Ihr machen?

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