16. Tube – Immer in Bewegung


Immer in BewegungZwei Tipps, wie du fit und fröhlich bleibst …

Ich habe mich aufs Fahrrad geschwungen und bin losgefahren. Am Schreibtisch war alles ins Stocken geraten – Stillstand. Stundenlang hatte ich dort gesessen und gearbeitet. Nichts hatte ich mehr gefühlt. Um 14 Uhr bin ich aufgewacht, weil ich noch nichts gegessen und getrunken hatte. Verdammt, das ist ja ein Rückfall in ganz alte Zeiten, in denen ich von 7.30 Uhr bis 14.30 Uhr ohne Pause durcharbeitete, um die Arbeitszeit zu schaffen und die Kinder pünktlich von der Schule abzuholen. Ich funktionierte wie eine Maschine. Die meisten Gefühle unterdrückte ich, um mein Pensum zu schaffen.

„Stopp!“, habe ich mir gesagt und bin losgefahren. An der Fischbude habe ich mir einen Lotsenteller mit verschieden eingelegten Matjesheringen geholt. Nun sitze ichin der Sonne und komme bei mir an. Wie habe ich das gemacht, mich wieder so zu vergessen? Was kann ich ändern?

Ich esse auf und suche mir noch ein Plätzchen mit Blick auf die Elbe, um eine Antwort auf meine Fragen zu finden. Ich entscheide mich für eine Bank, auf der eine ältere Frau sitzt. Sie hat ein freundliches Gesicht. Die Bank hat keine Rückenlehne. Die nett dreinblickende Frau sitzt aufrecht mit durchgedrücktem Rücken fröhlich und sehr wach da. Sie trägt eine knallrote Stofftasche quer über ihren Körper. Am Gurt hängt ein „Schaun das Schaf“-Anhänger mit lustigen Augen. Neben ihr lehnt ein Gehstock mit einen Seepferdchen-Aufkleber.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, frage ich.

„Gerne“, sagt sie mit einem Lächeln. „Es ist schön schattig hier.“

„Wohnen Sie in der Seniorenresidenz nebenan?“

„Nein“, sagt sie. „Ich komme aus Schenefeld. Bin hier aber oft unterwegs.“

Ich staune: „Von Schenefeld hierher ist es weit!“

„Ja. Ich komme gerne an die Elbe. Ich bin immer in Bewegung.“

Das gibt es doch nicht. Da habe ich doch gerade erst die 14. Tube „Schluss mit Billy“ geschrieben, und jetzt sitzt schon wieder eine Dame neben mir, die mir frei Haus die Antwort auf meine Frage liefert: Was kann ich ändern?

Ich werde neugieriger. Was hat sie noch für Botschaften für mich?

Sie sei 88. 88? So sieht sie nicht aus – so fidel wirkt sie. Sie fängt an zu erzählen. Das Wichtigste seien zwei Dinge: in Bewegung bleiben und positiv denken. Es bringe nichts, sich Sorgen zu machen. Seit zehn Jahren sei sie alleine. Mit einem strahlenden Lächeln fügt sie hinzu: „Und seither mache ich nur noch, was ich will!“ Sie betont ihre Worte mit einem Kopfnicken, so als ob sie sagen wollte: „Das war die beste Entscheidung in meinem Leben.“

Letzte Woche war sie in den Fjorden von Norwegen. Nein, nicht mit den norwegischen Postschiffen, so viel Geld habe sie nicht. Ihre Mutter hatte ihr als Kind versprochen, dass sie nach der Schule gemeinsam dorthin fahren. Jetzt habe es halt ein bisschen länger gedauert.

„Mit Ihrer Mutter?“, frage ich.

„Nein, die ist schon lange tot.“

Über all die Jahre habe sie diesen Wunsch behalten und jetzt endlich in die Tat umgesetzt. 1925 ist sie geboren und hat schon vieles erlebt. Arbeitsdienst. Kriegshilfedienst. Man stelle sich das mal vor: Ein Dienst, um dem Krieg zu helfen. Arbeit in der Rüstung und an der Flugabwehrrakete. Unfassbar.

Ihr erster Mann sei dann leider früh verstorben. Da sie nicht alleine sein wollte, habe sie sich einen neuen gesucht. Ich bemerke jetzt ein Zögern in ihrer Stimme. Ihre Stimme ist jetzt härter und sie sagt: „Wir haben nie geheiratet. Ich wollte oft gehen, aber wenn man einmal ´ja´ gesagt hat, dann hält man durch! Ich habe meine Pflichten erfüllt. Das gehört sich doch nicht, einfach zu gehen.“

Nach einer kurzen Pause schwenkt sie zurück und sagt mit kindlicher Freude: „Und jetzt mache ich nur noch, was ich will!“

Haben wir nicht ein großes Glück, dass sich die Zeiten geändert haben, denke ich bei mir. Dass wir heute schon machen dürfen, was wir wollen? Und wenn wir es nicht tun, dann war es unsere Entscheidung. Was hält mich davon ab, zu tun was ich will? Mir geht es so gut!

Sie schaut mir in die Augen. Sie lächelt. „So, und jetzt gehe ich. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Als ob sie ihren himmlischen Auftrag erfüllt hätte, steht sie auf. Ihre ersten Schritte sind etwas wackelig, dann findet sie schnell in ihren Rhythmus. Ihr Weg ist noch weit.

Ich schaue auf die Elbe. Sie steht niemals still. Sie ist immer in Bewegung. Hin und her und her und hin. Die Schiffe fahren mit der Flut hinein nach Hamburg und mit der Ebbe hinaus zum Meer.

Ich mache mich auf den Weg. Ich bleibe jetzt in Bewegung und nutze den Strom des Lebens, um leicht und stetig voranzukommen, so wie ich es will.

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4 Gedanken zu „16. Tube – Immer in Bewegung

  1. Ja, sie sind überall, diese Engel. Manchmal machen wir die Augen auf und sehen sie. Kennt ihr den Mann der in der Innenstadt herumläuft? Businessdress, roter Turban? Er sagt im Vorbeigehen immer: „You‘re a lucky man!“ – Wie bitte? – „Only tinking too much!“ …

    In der U3 sitzt einer – Regencape falschrum, wirres Haar, riecht ein bisschen. An den Landungsbrücken strahlt er mich an und stellt fest: „Regnet. Alles nass. Hafen!” Ein Mensch im Hier und Jetzt. Da fühle ich mich abgeholt – angekommen.

    Auf den leeren Obstauslagen vom türkischen Laden sitzt abends ein Junge, vielleicht zehn, ein bisschen schmuddelig. Es ist so eine Art Sprechgesang: Ey Richy bleib mal locker, ey Richy bleib mal cool, ey Richy … – haste mal ’n Euro. Hatte ich nicht, aber ich habe den Jungen seit acht Jahren nicht vergessen. Bleib cool, bleib locker, du bist reich …

  2. …mehr lernen von den guten Omas…Bei allem Selbstbewußtsein in der Welt sich nicht so wichtig nehmen und doch vertrauen …das Leben ist so wunderbar, wenn man die „Ketten „und „Bremsen“ablegt! Ich liebe deine Geschichten!! magdalena

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