12. Tube – Absprung


JumperWer nichts macht, macht nichts falsch. Oder doch?

Mittwoch 8.37 Uhr. Ich sitze im Café Tide in Hamburg-Ottensen. Das Tide ist mein Lieblingscafé. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, an einem Werktag morgens im Café zu sitzen. Das müssen Arbeitslose oder Rentner sein.

Frank, der Besitzer, ist ein Sachenfinder. Er fährt einen Land Rover Defender mit Seilwinde. Die meisten, die in Hamburg einen Defender fahren, tun das, um zu zeigen, dass sie anders sind. Und das lassen sie sich einiges kosten, Geld und Anstrengung. Fahr einfach mal mit einem Defender durch die engen Ottenser Straßen und park rückwärts in eine enge Parklücke ein, dann weißt du, was ich meine. Frank braucht den Defender mit Seilwinde. Er zieht damit alle Treibholzstücke, ob klein oder groß, aus den unwegsamten Gebieten heraus – so wie ein asiatischer Elefant, der Holzstämme aus dem Dschungel holt. Dann transportiert er seine Treibgut vom Elbstrand ins Café.

Hier stehen die Treibholzstücke auch zum Verkauf. Doch du kaufst nicht nur ein Stück Holz. In jedem der Fundstücke steckt Liebe und Einzigartigkeit. Du kaufst hier eine Lebensphilosophie, ein Stück Abenteuer. Du bekommst hier etwas, was du dich in deinem Leben vielleicht noch nicht getraut hast.

Die Uhren gehen in Ottensen langsamer als in anderen Stadtteilen. Die Leute hier sind entspannt. Wenn jemand ins Café kommt, schauen sich die Menschen in die Augen. Ein kurzes Lächeln – „Ich habe Dich gesehen!“- Reaktion.

Ich lerne und trainiere gerade wieder, wie Leben geht. Vor zehn Monaten habe ich mich dazu entschieden. Bis dahin war mein Lebenslauf lückenlos. Abi nach dreizehn Jahren, zwei Jahre Lehre, Studium und in die Arbeit. Die längste Pause waren acht Wochen, die ich dann zum größten Teil zum Jobben und Geldverdienen verwendet habe.

Verdammt. Warum habe ich mir nicht mal ein halbes Jahr Pause gegönnt? Das Geld hätte ich gehabt. 30.000 D-Mark hatte ich von meiner Oma geerbt. Keine Mark habe ich davon ausgegeben. Alles gespart. Ich bereue nichts in meinem Leben, auch wenn ich im Nachhinein manches nicht mehr so tun würde. Nur eines bereue ich. Warum habe ich mir nicht einen VW-Bus gekauft und bin ein paar Monate durch die Welt getourt? Warum nicht? Ich finde keine Antwort. Mensch Barbara.

Laut einer Studie bereuen es Menschen nicht, wenn sie etwas verändert haben und mal etwas Neues ausprobiert haben. Wenn sie zurückschauen, bereuen viele Menschen jedoch, die Chancen, die sich boten, nicht ergriffen zu haben.

„Ich bereue nichts, außer das, was ich nicht getan habe“, sagte Coco Chanel. Und recht hat sie.

Vor zehn Monaten kam meine zweite Chance. Neunzehn Jahre Job und immer volle Power. Ich hatte die Gelegenheit auszusteigen und mir eine Pause zu gönnen. Kinder zu kriegen war viel einfacher als diese Entscheidung zu treffen. Neunzehn Jahre! Sicherheit, Erfolg, nette Kollegen. Ich wusste noch nicht, was ich machen wollte. Genau genommen habe ich kaum mehr gewusst, wer ich war.

Als die Gelegenheit kommt, sitze ich an meinem Rechner. Ich werde kurzatmig. Das Herz pocht. Ich fühle mich, als stünde ich auf einer 30 Meter hohen Klippe.

„Nicht nach unten schauen, Barbara! Sonst ist es vorbei. Richte die Augen auf den Horizont.“

Ich atme tief ein und aus, um ruhig zu werden.  Ja, ich will mein Leben verändern. Es ist gut und ich will mehr. Der Job eine der letzten Konstanten, die nach Veränderung schreit. Ich bin dankbar für alles – und ich will etwas Neues. Ich springe und schicke eine E-Mail an die Personalabteilung. Die Zeit verlangsamt sich schlagartig. Zeit ist relativ. Einstein hatte recht. Ich spüre das in diesem Moment. Je schneller die Bewegung, desto langsamer die Zeit. Ich springe ab. Der Flug dauert gefühlt mehrere Minuten, bis ich eintauche in ein warmes, weiches Gefühl der Erleichterung.

Ich bin gesprungen. Ich habe mich getraut. Und ich lebe noch!

Ich schaue nach oben und sehe die ganze Angst dort stehen, die mich die letzten Jahre begleitet hat. Die Angst, nicht gut genug zu sein. Die Angst zu versagen. Die Angst, es mit den Kindern alleine nicht hinzukriegen. Trotzdem bin ich gesprungen – und lebe noch!

9.45 Uhr im Café Tide. Es hat sich gefüllt. Ein sympathischer Typ auf seinem senfgelben Fahrrad erblickt meine Sitznachbarin. Ich sehe sie hier öfters sitzen, wir sitzen oft beide am runden Tisch neben einem großen Stück Treibholz. Er hält an, betritt das Café: „Ach hallo. Wie geht´s dir?“ Sie unterhalten sich sehr nett. Alle hier sind entspannt. Hier sitzen Selbständige, Freiberufler, Künstler und auch der Opa aus der Nachbarschaft, der jeden Morgen vorbeischaut. Menschen so unterschiedlich, wie das Treibgut, das von diesem wundervollen Ort angezogen wurde…

Alle hier sind irgendwann gesprungen. Jetzt trinken wir ganz gelassen unseren Kaffee und planen in den Gezeiten des Lebens unsere neuen Abenteuer.

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10 Gedanken zu „12. Tube – Absprung

  1. Super, super, super! Bei allen 12 Senftuben hatte ich nur einmal KEIN Lächeln auf den Lippen! Macht aber auch nichts. Ist doch ein guter Schnitt, oder? Wie gesagt, schön, dass die Tuben sehr regelmäßig erscheinen. Wären sie lückenlos, hätte man ja immer ein Grinsen auf dem Gesicht. Dazwischen liegt leider der Alltag… Könnte man die Leichtigkeit nur dort integrieren – da heißt es: immer wieder auf’s Neue versuchen!
    Liebe Grüße Britta

    Britta

    • Liebe Britta,
      vielen Dank, dass Du alle meine Tuben liest und besonders toll finde ich, dass der Senf neben mir auch Dir gute Laune bereitet.
      Wie kriegen wir das nun mit dem Alltag hin? Der ist doch das Wichtigste und versuchen reicht da noch nicht aus…….
      Ich denk mal nach.

      Auch ganz liebe alltägliche, lächelnde Grüße an Dich
      Barbara

  2. Liebe Britta

    Du freust Dich über die Tuben und wartest auch gespannt auf die nächste?
    TGIF Senf-sei-Dank?
    Kauf Dir doch mal 5 Tuben, stell eine neben Deine Zahnpasta Tube, leg eine ins Auto, eine auf den Tisch bei der Arbeit und wo Du noch magst.

    Und guck einfach wie sehr Alltag-mit-guten-Gefühlen verankert wird (-:

    Liebe Grüsse an Dich und an Barbara

    Michael

  3. Hallo, wenn der Alltag Spaß macht, dann ist das Spitze. Es macht leider nicht alles Spaß und wie viel Freude ich empfinde ist auch jeden Tag unterschiedlich – da finde ich es toll wenn wieder die Senftube-Mail von Dir kommt und ich lesen und mit einem Lächeln im Gesicht die Gedanken schweifen lassen kann. Danke für diese schönen Momente :-).
    Liebe Grüße, Silke

  4. Ich muss Dir ein riesen Lob aussprechen, du schreibst unheimlich toll!! Und ein bisschen neidisch bin ich ehrlich gesagt auch auf dich, du scheinst deine eigene Glückseligkeit gefunden zu haben!
    Bitte mehr davon!

    Viele liebe Grüße
    Carolin

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