11. Tube – Mitleids-Crisis


Midlife-Crisis die Zweite.

4.47 Uhr. Ich wache auf. Die Vögel zwitschern. Es ist ganz friedlich und ruhig. Ich fühle mich ausgeschlafen. Und trotzdem… Ich mag es gar nicht sagen, weil ich es nicht noch schlimmer machen will… Trotz allem Guten denke ich: „Ob ich das wohl schaffe?“

Ich merke schon, wie mir bei diesem Gedanken ein wenig übel wird, obwohl ich ja noch gar nichts gegessen habe. Im gleichen Moment wird mir klar, dass es der Gedanke ist, der mir die Übelkeit bereitet. Ich hole tief Luft und atme lange aus. Vorhang auf für einen wohlbekannten inneren Dialog…

„Natürlich schaffst du das? Warum nicht? Du hast bisher alles geschafft“, sagt eine liebevolle Stimme in mir.

„Ja aber, was ist wenn das nicht klappt, was ich jetzt vorhabe. Das ist ja auch ein wenig verrückt“, meldet sich mein ängstlicher Teil.

„Ohh, stopp!“ ruft jetzt der ungeduldige Teil in mir. Ich habe Mitgefühl und Verständnis für mich selbst. Es geht ja schließlich um meine berufliche Zukunft, da ist es doch ganz „normal“, zwischendurch zu zweifeln und sich Sorgen zu machen. Nur was bringt das jetzt?

„Aber wenn ich das nicht….“, meldet sich die ängstliche Stimme  wieder.

„Stohopp!“ Genau davon habe ich manchmal die Schnauze voll. Manchmal möchte ich mein eigenes Gejammere einfach nicht mehr hören. Wahrscheinlich, weil ich selbst merke, dass es mich nicht weiterbringt. Zugegeben, in diesem Moment tut ein wenig Trost schon ganz gut, aber dauerhaft besser fühle ich mich danach nicht. Oder doch?

Wo endet eigentlich Mitgefühl und wo fängt Mitleid an? Habe ich vielleicht irgendwann selbst genug von meinen Zweifeln, weil ich dann anfange mich nicht nur zu trösten, sondern zu bemitleiden? Denn dann dreht sich die Spirale nach unten immer schneller.

Unser Nachbarskind Marita ist 14 Jahre alt. Sie war kürzlich bei uns und erzählte von einer Klassenkameradin, die seit einem halben Jahr neu dabei ist. Alle kümmern sich intensiv um die Neue, weil sie den ganzen Tag erzählt, wie schwer sie es hat und dass sie sich gar nicht leiden mag. In jeder Pause verbringen die Mädchen der Klasse Zeit mit ihr, hören ihr zu und trösten sie. Es gibt kaum noch ein anderes Thema. Kürzlich ist Marita aufgefallen, dass sie richtig Kopfschmerzen bekommen hat, als sie noch vor Schulbeginn wieder zehn Minuten lang dem Leiden zugehört hat.

Daraufhin hat sie beschlossen: „Ich höre mir das jetzt nicht mehr an!“ Und jetzt sind die anderen Mädchen enttäuscht von ihr, weil sie so herzlos sei.

Wie viel Mitgefühl und Mitleid sind gut?

Ich erinnere mich an das Mitgefühl beim Kranksein als Kind. Oh, wie schön das war. Zum Glück gab es damals die Sechsfachimpfung noch nicht, die fast alle Kinderkrankheiten ausschaltet. Die Masern zum Beispiel: Schon die roten Flecken am ganzen Körper sahen schlimm aus. Eine Woche lag ich im Bett und wurde verwöhnt. Es gab lecker Joghurt, ein neues Micky Mouse-Heftchen, Streicheleinheiten, keine Schule, keine Hausaufgaben… Himmlisch – das ließ mich schnell wieder gesund werden.

Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Wann genau ist Trost gut und sinnvoll? Und wann wird Jammern zum Programm, um Aufmerksamkeit zu bekommen und das Leid an andere loszuwerden? Wann lähme ich mich selbst durch mein Selbstmitleid und sollte besser damit aufhören? Und wo fängt es dann an, dass ich meine Gefühle unterdrücke?

Will ich Aufmerksamkeit von jemand anderem, könnte ich ja auch sagen: „Hey, machen wir was zusammen?“ Oder zum Partner: „ Bitte nimm mich mal ganz lange und fest in den Arm.“ Warum denn einen Umweg nehmen und erst leiden und jammern?

Und bei mir selbst – warum habe ich mich denn bisher selbst bemitleidet, zum Beispiel für die vielen Dinge, um die ich mich kümmern muss? Statt mich jeden Tag dafür zu loben, was ich bisher schon alles Wundervolles geschafft habe und mir mal richtig gut zu tun? Das fühlt sich doch so viel besser an!

Ab jetzt hole ich das große, rote Schild raus, wenn ich mich jammern höre und rufe „STOPP“. Und dann erzähle ich mir so lange, bis ich mich besser fühle, was an mir toll ist. Wenn das nicht funktioniert, spiele ich mit mir „Armer schwarzer Kater“. Kennt Ihr dieses Spiel noch? Du bemitleidest den anderen solange aufs Jämmerlichste, bis er lachen muss. Dann hast du gewonnen.
Das Gleiche mache ich bei den Menschen um mich herum. Denn wie gesagt: Wo wären wir ohne Pubertät und Midlife-Crisis? Hier haben wir alle eine riesengroße Chance, das zu tun, was wir wirklich wollen…

…solange die Crisis nicht zur Mitleids-Crisis wird.

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2 Gedanken zu „11. Tube – Mitleids-Crisis

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