9. Tube – Heute im Fernsehprogramm: Seelenmüll


Die Sonne scheint. Ich habe mir einen Stuhl vor die Garage gestellt. Ich sitze einfach nur hier und schaue in meine Garage hinein –  Garagenfernsehen. Ich fühle mich so glücklich und so erleichtert. Die Nachbarn wundern sich vielleicht über mein Dauerlächeln. So eine riesengroße Freude!

Am Wochenende habe ich ausgemistet. Die Garage, der Dachboden und die Abstellkammer sehen jetzt eins a aus. Nun sitze ich davor, schaue mir mein Werk an und bade ausgiebig in diesem herrlichen Gefühl der Erleichterung. Ich atme ganz tief ein. Meine Lunge nimmt mindestens doppelt so viel Luft auf wie sonst. Nach der ganzen Schlepperei fühle ich mich so leicht wie ein Luftballon, der langsam und ganz leise in die Höhe steigt. Zwei ganze Wagenladungen habe ich zum Recyclinghof gebracht. Das Auto war komplett vollgepackt – Kofferraum, Rücksitzbank und sogar der Beifahrersitz.

Jetzt fühlt es sich so an, als ob dieser ganze Müll nicht nur aus dem Haus raus, sondern auch von meiner Seele abgefallen ist. Komisch.

Zum Beispiel hatte ich noch die schönen von den Kindern selbstgebastelten Laternen der letzten sechs Jahren aufgehoben. Da steckte so viel Liebe drin, das kann ich doch nicht wegwerfen. Nur, was wollen wir denn damit noch machen? An Sankt Martin mit zwölf Laternen losgehen können wir ja sowieso nicht. Aber wegwerfen?

Oder die zusätzlichen Billy-Regalbretter. Vielleicht brauchen wir die ja nochmal, wenn wir umziehen und die Schränke umorganisieren wollen.

Wie viel der leeren Senfgläser werde ich mit selbst gemachter Erdbeermarmelade noch füllen?

Welche der achtundzwanzig Farbtöpfe werde ich wohl noch brauchen können?

Oder werde ich den Metallweihnachtsbaum mit Glaseinsätzen, den ich seit acht Jahren nicht mehr verwendet habe, irgendwann einmal vermissen?

Sollte ich mit den Dingen, die noch gut sind, nicht mal zum Flohmarkt fahren?

Halt. Am Freitagabend als mir die zehn leeren Schuhkartons, die ich für den Weihnachtsversand aufbewahrt hatte, auf mich runterpurzelten, wurde mir auf einmal schlagartig klar: So wird das nichts. Diese vielen unbeantworteten Fragen machen mich kirre. Immerzu entscheiden, was ich in der Zukunft noch brauche, was später mal passieren wird. Hast du so einen Raum mit Dingen, die sich einfach so angesammelt haben und die immer wieder unangenehme Fragen stellen? Und jedes Mal, wenn du die Tür öffnest, kommen sie dir entgegen? Die Fragen meine ich. Und selbst wenn die Tür geschlossen ist, spürst du, wie sie hinter der Tür nach einer Antwort rufen – wie die Geister aus dem Video von Michael Jacksons Thriller, die aus den Gräbern steigen. Du beschleunigst deine Schritte, um hier möglichst schnell wegzukommen.

Am Wochenende war endgültig Schluss!

Ich war wild entschlossen – keine quälenden Zukunftsfragen mehr. Neue Strategie. Ab jetzt gibt es nur noch eine einzige Frage: Wie fühle ich mich damit?

Ich ging folgendermaßen vor. Nacheinander nahm ich jedes Ding in die Hand, schloss die Augen und stellte nur die eine Frage: Wie fühle ich mich jetzt damit? Nervt oder belastet es mich in irgendeiner Weise? Dann ab zum Recyclinghof. Habe ich ein gutes Gefühl? Dann bleibt es. Viel ist nicht übrig geblieben. Und ich fühle mich so leicht…

Wenn es nachher dunkel wird, gehe ich ins Haus. Dann setze ich mich in meinen Vorratskeller und genieße diese herrliche Klarheit. Vorratskellerfernsehen.

Werbeanzeigen

4 Gedanken zu „9. Tube – Heute im Fernsehprogramm: Seelenmüll

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s