8. Tube – Hak´s endlich ab!


Gerade habe ich eine gute Bekannte auf der Straße getroffen. Schon lange hatten wir uns nicht mehr gesehen. Sie war vollkommen im Stress und erzählte hastig und angespannter Stimme:

„Oh, ich habe soooo viel zu tun. Hoffentlich ist es ab morgen endlich vorbei. Vor zwei Wochen war die Konfirmation von Annamaria. Da haben wir erst mit der Familie und dann mit Freunden gefeiert. Abgehakt.“

Dabei atmet sie erleichtert aus und nickt mit dem Kopf zur Bestätigung. Annamaria ist ihre Tochter.

„Dann hatte letzte Woche meine beste Freundin Katharina Geburtstag. Abgehakt. Und heute feiert Christina ihren achtzehnten Geburtstag. Da muss ich auch noch hin. Mein Mann will ja nicht. Aber er muss doch hingehen, oder? Das ist immerhin der achtzehnte Geburtstag unserer Tochter. Und das ist dann morgen abgehakt. Dann ist erst einmal Ruhe!“

Uff. Das strengt mich ja schon allein beim Zuhören ziemlich an.

Und überhaupt. Irgendetwas fühlt sich hier ganz komisch an. Konfirmation, Geburtstagsfeier und Party zum Achtzehnten? Abhaken? Ist das der Sinn von Festen? Dass man Leute einlädt und froh ist, wenn endlich alles vorbei ist?

Bei meiner jüngsten Tochter ist das ganz anders. Die überlegt schon seit fünf Monaten, wie ihr nächster Geburtstag sein wird. Wen sie einlädt, wo sie feiert und was sie sich wünscht. Und der Geburtstag ist erst in sechseinhalb Monaten! Rechnen, rechnen, rechnen – genau: Sie hat direkt nach ihrer letzten Feier sofort damit angefangen, über die nächste nachzudenken. Als ich sie am Abend ihres letzten Geburtstags ins Bett brachte, sagte sie ganz traurig:

„Oh, jetzt ist ja alles vorbei!“

Hmmmh. Das ist mal wieder ein Unterschied zwischen Erwachsensein und Kindsein. Kinder sind traurig nach der Feier, weil sie vorbei ist, und manche Erwachsenen sind erleichtert, weil sie endlich vorbei ist. Das klingt ziemlich doof, oder nicht? Wozu wird denn dann gefeiert? Wozu der ganze Aufwand, wenn es doch ohnehin keinen Spaß macht? Es wird sich aufgeregt über den Schwiegervater, der mal wieder angefangen hat zu essen, bevor alle am Tisch saßen. Über die Verwandten, die einfach jedes Jahr erwarten, dass sie eingeladen werden und selbst nie einladen. Über den Ehemann, der auch nicht wirklich mitdenkt, was gekocht wird und was zu erledigen ist. Über die Schwiegermutter, die nicht wirklich wertschätzt, was die Schwiegertochter so alles leistet. Und die Kinder fragen sich: „Warum setzt sich Mama nicht endlich auch mal hin? Sie sieht so unglücklich aus.“

Ein dichter Nebel an unausgesprochenen gegenseitigen Erwartungen – und die meisten sind irgendwie unzufrieden und spielen das Spiel trotzdem weiter mit.

Weihnachten ist die Krönung: In manchen Familien wird vor der Bescherung gegessen, was eine echte Qual ist, vor allem für die Kinder. Bei anderen wird danach gegessen. Die einen flöten und singen, die anderen spielen „Last Christmas“ vom Band ab. Essen gibt´s bei allen unentwegt. Der Kühlschrank ist zum Bersten voll. Die Mutter steht meistens in der Küche und ist überfordert, lässt sich aber nicht helfen. Unausgesprochen schwebt über allem die Erwartung „glückliche, heile Familie“. Ich kenne diese Feste auch von früher. Alles lief immer nach total festem Plan und unsichtbarem Drehbuch ab.

Zum letzten Weihnachtsfest war ich mit meinen Kinder bei Oma und Opa. Wir besuchten „wie immer“ den Kindergottesdienst mit Krippenspiel in der katholischen Kirche meines Heimatdorfes. Ich musste früher jeden Sonntag in die Kirche gehen und sobald ich saß, begann ich auch schon zu gähnen, was bis Ende des Gottesdienstes nicht enden wollte. Und das gleiche erlebe ich jetzt wieder. Kaum sitze ich, beginne ich auch schon damit, meinen Mund vor Langeweile weit aufzureißen. Ich schaue mich um. Da sitzen ja immer noch genau die gleichen Leute wie vor dreißig Jahren! In der gleichen Haltung und mit dem gleichen Gesichtsausdruck wie vor dreißig Jahren. Inzwischen haben sie das Ehrenamt ihrer Eltern übernommen und die Kinder sind jetzt Messdiener. Das hat schon etwas von Mr. Bean, der sich fragend umschaut und zu denken scheint: „Was ist denn hier los?“

Als dann der Pfarrer mit seiner Predigt beginnt, zerreißt es mich vollends.

Mit kräftiger Stimme und ernster Miene tönt er nach unten in die Gemeinde: „Weihnachten ist ein Fest der Freude!“ Dabei senkt sich seine Stimme bei Freude deutlich. Die Bedeutung dieser Worte haben nun gar nichts – wirklich überhaupt gar nichts – mit seinem sehr ernsten und freudlosen Gesichtsausdruck gemein.

Statt meinen Mund reiße ich nun – erstaunt über diesen gelungenen Slapstickauftakt – meine Augen auf und liege dann fast unter der Bank vor Lachen. Das ist besser als Mr. Bean! Da ich mich nun gar nicht mehr einkriege, entscheide ich mich einfach dazu, die Veranstaltung zu verlassen. Meine Kinder folgen mir ziemlich erleichtert. Draußen vor der schweren Holztür setzen wir unsere Lacharie fort und imitieren alle drei mit ernster Miene und tiefer Stimme immer und immer wieder: „Weihnachten ist ein Fest der Freude!“

Ist es nicht Zeit, dass wir alle unsere Familienfeste neu erfinden? Also wir Erwachsenen, meine ich. Gestern habe ich eine schön entspannte Einladung zu einer Hochzeit gelesen: Jeder möge bitte einen Beitrag zum Buffet mitbringen. Das Brautpaar freue sich, wenn jemand sein Musikinstrument (außer Blockflöte) mitbringt und etwas zum Besten gibt. Und wenn´s Dauer regnet, wird das Fest einfach um eine Woche verschoben.

Oh, wie schön entspannt klingt das denn. Schade, dass ich nicht eingeladen bin. Das wird bestimmt lustig.

Also, wer will nächstes Weihnachten noch die ganze die Verwandtschaft abhaken oder wer feiert mit uns?

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3 Gedanken zu „8. Tube – Hak´s endlich ab!

  1. Ich bin zwar auch ein großer Freund vom Abhaken – eher beim täglichen Pflichtprogramm – aber anscheinend ist in unserer Familie noch nicht alles zu spät. Wir strömen an Weihnachten aus allen Richtungen ein, freuen uns sehr auf das Beisammensein und tauschen auch kurzfristig noch den Schichtdienst weg, um mit dabei zu sein.
    Aber ich weiß, was gemeint ist. Es kann vieles zur Horrorveranstaltung werden, wenn nach immer gleichen Vorgaben gefeiert wird, anstatt auch mal über Pannen zu lachen.
    Jeder macht’s halt anders. Eine Gebrauchanweisung gibt es nicht. Und das ist ja auch das Schöne an der ganzen großen Artenvielfalt. Sonst hätte man nichts zum Lachen, zum Ärgern, zum Weinen, zum Aufregen… ist doch herrlich, finde ich. Solange man selbst nicht auf der Strecke bleibt…

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