6. Tube – Ab wann ist man alt?


Ich bin 47. Bin ich alt?

Vor sechs Jahren, da war mein Leben in festen Bahnen. Das, was unsere Eltern mit 60 erreicht hatten und vielleicht noch ein bisschen mehr, hatten wir – mein Ex-Mann und ich – mit Anfang vierzig erreicht. Zumindest nach dem, was einen Sparkassenberater interessiert (mein Haus, mein Boot, meine Pferdepflegerin). Mein Ex-Mann sagte einmal abends im Sommerurlaub in Schweden auf unserem Segelboot zu mir: „Das haben wir doch alles richtig gut hingekriegt.“ Damals habe ich mich noch gefreut. Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt schon alles in der Grütze, nur wollte ich es nicht wahrhaben. Nach außen hin sah alles so wunderbar aus: Der Traum der siebziger Jahre war Realität geworden. Wir hatten unser Einfamilienhaus im ruhigen Stadtrandgebiet schon fast abbezahlt. Wir waren beide beruflich erfolgreich. Im Badezimmer standen die Pflegeprodukte von Nivea, in der Küche Utensilien von Tchibo, im Keller die Waschmaschine und der Trockner von Miele, im Schuppen die Gartengeräte von Gardena und vor dem Haus zwei Autos von VW und BMW. Ach wie toll. Wir haben es geschafft! Fertig!

Und genau in diesem eigentlich tollen Moment, wo ja endlich das Lebensziel erreicht ist, meldet sich zaghaft eine leise Stimme, die vorsichtig fragt: „Und das geht jetzt immer weiter so bis Mitte sechzig? Und dann die Rente?“

Immer so weiter? Mein Kopf bewegt sich keinen Millimeter. Mein Nacken ist jetzt ganz steif. Innerlich jedoch spüre ich eine Bewegung. Hinter den Augen bewegt sich etwas. Es fühlt sich so an, als ob sich mein Gehirn in der Hirnflüssigkeit hin und her bewegt – horizontal. So als ob es sagt:
„Nein. Auf gar keinen Fall immer so weiter bis zur Rente. Das geht gar nicht!“

Als ich so alt war wie meine ältere Tochter jetzt, Teenie, habe ich oft den Kopf geschüttelt über die „Alten“. Vierzig und noch älter. Meine wertvollen Pubertätsargumente und -einwände hat meine Mutter abgetan mit: „Ich bin so alt, ich verändere mich nicht mehr.“ Ich erinnere mich noch an den Beginn der Fitnesswelle. Aerobic mit Jane Fonda. Der gute alte Dauerlauf war kein Dauerlauf mehr. Wir sprachen vom Joggen. Die Popper stritten mit den Punkern. Meine Oma sprach über die „Schogger und die Rocker“.

Lustig gemacht habe ich mich und den Kopf geschüttelt.

Ich habe damals überhaupt kein Verständnis dafür gehabt, wenn die „Alten“ mich nicht sofort mit dem richtigen Namen ansprachen, sondern erst die ganze andere Verwandtschaft aufzählten: „Claudia? Heike? Christel, äh… Barbara?“ Warum machen die das, habe ich mich gefragt. Was ist mit denen los?

Und heute? Heute mache ich das auch manchmal.

Was tue ich da?

Bin ich alt? Wann fängt es an, dass man alt ist?

Kürzlich habe ich Gudula kennengelernt. Ich schätze Gudula auf Anfang achtzig. Wir haben zusammen an einer Schreibwerkstatt teilgenommen. In der Vorstellungsrunde spricht sie mit einer zittrigen Stimme und eher langsam. Ich merke, wie Ungeduld in mir aufkommt.
„Oh, wo bin ich hier gelandet? Kann das nicht schneller gehen?“, denke ich.

Nach der gefühlt endlosen Vorstellungsrunde haben wir Zeit, einen freien Text zu schreiben. Wer will, kann ihn dann den anderen vorlesen. Gudula traut sich und legt mit energiegeladener Stimme los.
Sie liest: „Ich stehe an einem Wendepunkt! Ich merke, so geht es nicht mehr weiter! Ich möchte etwas ändern in meinem Leben und habe mich entschlossen, selbst eine Schreibwerkstatt zu gründen – für ältere Menschen!“

Was für eine Energie! Ich bin platt. Ich bin begeistert. Was für eine tolle, tolle Frau!

Ich schäme mich für meine ersten Gedanken zu Beginn des Workshops. Dieses Schubladendenken. Hör auf damit. Hör auf zu bewerten und zu urteilen. Wozu? Es stimmt doch meistens sowieso nicht – und helfen tut es erst recht nicht. Es führt dich auf die falsche Fährte, du verpasst die tollsten Dinge im Leben. Denn du erlebst einfach immer wieder das Gleiche. Immer wieder, weil du immer wieder das Gleiche denkst. Und außerdem kennen wir das doch alle, wenn uns ein anderer in eine Schublade stecken will. Das ist einfach ein saublödes Gefühl. So eng, so dunkel, so verstaubt.

Ich schaue auf Gudula. Ich sehe jetzt nicht mehr ihr Alter. Ich sehe ihre funkelnden, begeisterten Augen. Ich spüre die Energie in ihrem zerbrechlichen Körper. Ich fühle die Lebensfreude, die diese Frau in sich trägt. Sie hat noch viel vor im Leben. Sofort frage ich sie: „Ab wann ist man ‚älter’?“ und hoffe inständig, dass ich mit 47 Jahren schon dazugehöre. Gudula lächelt. Später tauschen wir die Telefonnummern aus.

Auf der Heimfahrt bin ich erleichtert und glücklich. Wow. Das spannende Leben hört nie auf! Mit über achtzig können noch ganz wundervolle neue Dinge geschehen – wenn ich es will. Wenn ich es zulasse! Wenn ich bereit bin, Dinge in meinem Leben zu verändern. Dann hört das einfach nie auf!

Zum Glück habe ich schon damit angefangen, mehr zu wollen. Raus aus der Bequemlichkeit und rein ins Veränderungstraining. Noch mindestens vierzig lebendige Jahre liegen vor mir. Es lohnt sich, sofort damit anzufangen, Dinge anders zu machen als bisher. Jetzt! Sofort!

Ich greife zum Telefon und rufe Gudula an.

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7 Gedanken zu „6. Tube – Ab wann ist man alt?

  1. Gudula scheint eine super Frau zu sein. Das wichtigste ist Entscheidungen zu treffen und hinter ihnen zu stehen (Schreibwerkstatt). Je mehr Entscheidungen wir treffen, desto leichter fallen uns zukünftige! Freue mich schon auf die 7. Tube.

    • Liebe Michaela,

      danke für deinen tollen Beitrag!
      Und Du hast so recht. Entscheidungen treffen will trainiert sein.

      Also was essen wir heute zum Abendbrot? Mozarella mit Tomate!

      Herzlichen Gruss nach New York

  2. Hallo Barbara,
    Dir ist wieder eine absolut motivierende Tube gelungen! Entscheidungsaufschieberitis kostet viel Kraft – Gefahr erkannt, Gefahr gebannt (kennst Du den Spruch noch, 7. Sinn war das glaube ich?). An allen Ecken lauern aber immer wieder Fallen der Gewohnheit. Es ist wohltuend, dass Deine Tuben (ich denke jetzt auch an die Kuhtube) anregen, den Blick auf Wesentliches zu lenken. Ich freue mich auf weitere Tuben!
    Viele Grüße
    Heike

    • Hallo liebe Heike,
      wundervoll, dass Du so motiviert bist, Dein Leben zu verändern. Und jetzt kommt gleich die nächste Tube!
      Vielen Dank für Deinen tollen Kommentar.

      Herzliche Grüße
      Barbara

  3. Pingback: 35. Tube – Glänzende Augen | BARBARA – Der Senf ist alle!

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