4. Tube – Ich dachte, ich kann das nicht


Alles anders

Es ist Samstagnachmittag. Ich sitze in der Rudolf Steiner Buchhandlung im noblen Hamburger Stadtteil Rothenbaum nahe der Alster. Der Laden ist ein wenig ältlich mit dem Charme der 70er: große Fenster mit goldfarbenen Metallrahmen, alte mittelbraune Holzregale bis unter die Decke. Ich sitze im ersten Stock in einem gemütlichen Korbsessel mit einer Tasse Kaffee. Eine tönerne Vase mit einem frischen Magnolienzweig steht auf einem runden Beistelltisch neben mir. Die zarten weiß-rosa Blüten sind gerade am aufgehen. Ich fühle mich, wie in einer Privatbibliothek bei einem Literaturliebhaber. Um mich herum stehen nur Bücher.

„Ach was!“ sagt etwas zickig eine Stimme in mir.

Ich atme ganz gleichmäßig und ruhig weiter und genieße. Es ist ein Unterschied, ob ich in einem Schnellrestaurant sitze oder hier. Als ob ich nach oben ans Universum angeschlossen wäre…

„Ja, genau. Wie an eine Starkstromsteckdose. Pass auf, dass es dich nicht zerreißt!“ meldet sich die zickige Stimme wieder.

Das schaffst du nicht, denke ich mir. Das klappt nicht mehr, dass du mich aus der Ruhe bringst wie früher.

Früher. Schmunzeln. Ja, ich habe alles auf Effizienz und Effektivität hin überprüft.
Putze ich das Haus oder lasse ich putzen? Putzen lassen! Meine Arbeitsstunde ist mehr wert. Kümmere ich mich um den Garten oder lasse ich kümmern? Selbst kochen oder essen gehen? Vieles habe ich nach außen verlagert. Ich konzentrierte mich auf den Job, der ja eine Menge einbrachte. Ich hatte alles im Griff. Haus, Kinder, Garten, Finanzen, Job – effektiv und effizient.

Früher habe ich in karierte Notizbücher geschrieben. Alles gut strukturiert. Aufzählung mit Spiegelstrichen. Nächster Gedanke, ein wenig nach rechts eingerückt. To-dos wurden mit einem Ausrufezeichen markiert, damit sie nicht verloren gingen.

Heute sind alle meine Notizbücher blank. Keine Karos. Keine Linien. Ich habe immer viele bunte Stifte dabei. Wenn ich etwas aufschreiben will, frage ich mich als erstes:
„Na Barbara, wie geht‘s dir gerade?“ Je nach Stimmung fühle ich meine Farbe. Und ich kann Bilder malen in meinem Notizbuch. Ich träume. Lasse los. Gedanken kommen, ziehen vorbei. Das geht besonders gut hier zwischen den Büchern.

An diesem Samstag, dem ersten echten Frühlingstag in diesem Jahr, nehme ich an einer Schreibwerkstatt teil. Ich erfülle mir damit einen lang gehegten Traum, mal ein Buch zu schreiben. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mich nicht hierher getraut…

Schreiben. Ja, ich habe eine gute Rechtschreibung – nach alter Schreibweise noch. Ich setze die Kommata richtig. Das kann ich, aber schreiben? Undenkbar bis vor kurzem.
In der Schule gab es nichts Schlimmeres für mich als Aufsätze zu schreiben. Die anderen hatten schnell über zehn Seiten. Und ich hatte große Mühe mit anderthalb  Seiten.
Was ist richtig? Was soll ich schreiben? Was will der Lehrer hören? Keine Lust mich anzustrengen, um nachher dann dafür kritisiert zu werden. Lohnt nicht. Lieber rechnen.
Da gibt es ein klares Ergebnis. Habe ich die Aufgabe gelöst, dann bin ich gut.

Und ganz plötzlich habe ich angefangen. Angefangen zu schreiben. Einfach so.
Ohne Nachdenken. Ich habe einfach geschrieben. Geschrieben, was mir in den Sinn kam.
Für mich. Mit großer Freude.

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6 Gedanken zu „4. Tube – Ich dachte, ich kann das nicht

  1. Und ich denk‘ noch, wann wird es wohl weitergehen mit den Senftuben. Dabei gibt es bereits Nachschub!
    Man bekommt beim Lesen Mut, selbst etwas auszuprobieren; auch wenn’s nicht auf Anhieb klappt, trotzdem weiterzumachen.
    Ich jedenfalls fühle mich wieder ge- und bestärkt.
    Merci!

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