3. Tube – Skyfall


Um es auf den Punkt zu bringen: Scheiße!

Es gibt so Tage, da wache ich schon mit einer Kacklaune auf. Dann sagt meine Tochter, sie hat Bauchschmerzen. Schon wieder entscheiden. Was tue ich? Was ist los? Bauchschmerzen sind ja meistens seelisch. Sind nicht alle Krankheiten seelisch? Eigentlich bräuchte ich jetzt jemanden, der mich in den Arm nimmt und sagt „Alles ist gut!“.

Nun lese ich schon all diese Bücher, wie „Das neue Ich“, „Law of Attraction“, „The Power“ und immer noch erwischt mich die schlechte Laune. Habe ich da vielleicht etwas missverstanden?

Und dann telefoniere ich mit einer guten – einer meiner besten Freundinnen, die mir doch tatsächlich sagt: „Barbara, du hast jetzt so viel verändert und du bist immer noch unzufrieden. Das ist in dir.“

Scheiße nochmal. Das jetzt auch noch. Das kann ich nun gar nicht gebrauchen. Ich höre mich nur erwidern:„Du mit Deinen Du-Botschaften.“ Tatsächlich merke ich, dass sie auch ein bisschen Recht hat. Oh Mann. Das wird mir alles zu viel. Soll ich das jetzt wegmeditieren oder wegrennen? Keine Lust, bin zu faul.

Ich denke an Felix Baumgartner. Aus 39 Kilometern stürzt der sich runter. Irre, dieser Blick von seiner Helmkamera auf die Erde, die da schwebt, wie ein Globus und alles so schön friedlich. Ist der eigentlich irgendwann mal verzweifelt? Kann ich mir nicht vorstellen. Und dann durchbricht der auch noch die Schallmauer. Hören nur wir den Knall oder er auch? Oder knallt das nur bei Flugzeugen? Oder wer hat nen Knall? Mist, da ist es wieder.

Annehmen, hat mir Christian beim letzten Telefonat gesagt. Daran erinnere ich mich jetzt. „Nimm Deine Gefühle an. Alle Gefühle sind für etwas gut.“ Wie geht das denn jetzt? Ich fühle mich so beschissen. Weiß nicht, was ich tun soll. Eigentlich ist die jetzige Phase ja dazu da, meine Berufung zu finden und mich neu zu orientieren. Tatsächlich fühle ich mich einfach nur – sch…

Jetzt muss ich langsam selbst über mich lachen. Ist das die Schallmauer von Felix? Einfach mal aus 39 Kilometern fallen lassen. Auskotzen so richtig. So richtig beschleunigen und Fahrt aufnehmen. Schreien und dabei Fratzen ziehen. Mal so richtig gehen lassen.

„BARBARA! Das sagt man nicht!“, höre ich in eine tiefe, pastorale Stimme vorne über meinem Kopf in opernähnlicher Dramatik sagen.

Wäääääääääääää? Ist mir doch sch…egal!, schreie ich zur Kanzel hoch. Es fallen mir noch viel schlimmere Wörter ein. Meine neunjährige Tochter sagte kürzlich aus heiterem Himmel zu mir, dass sie das „F“-Wort besser findet als das „S“-Wort. „Wieso das?“, fragte ich sie. „Sex ist doch kein schlimmes Wort.“ „MAMA! Sei still. Das ist peinlich.“ – „Sex, Sex, Sex.“ – „Hör auf, Mama!“ „In welcher Klasse ist deine Schwester? Wie heißt die Zahl?“ – „6“
Na also, geht doch! Sie lachte erleichtert. Da hätten wir das ja nun auch gelöst.

Zurück zum freien Fall. Eine meiner zahlreichen Therapeutinnen sagte mal: „Gehen Sie in den Wald und schreien Sie. Das habe ich auch einmal eine Nacht lang gemacht.“

Nachts in den Wald? Mmmmmh. Ich bin dann mal tagsüber los. Es war echt kalt und Schietwedder, wie wir in Norddeutschland so sagen. Ich dachte, da ist jetzt keiner unterwegs. Und ich habe mal angefangen zu tönen.

Aaaah…. Pause.

Mmmmh. Ich schaue mich um. Nicht dass jetzt jemand die Polizei holt.

Na so richtig verändert hat sich jetzt nichts. Ich versuch´s nochmal.

Aaaaaaaaaaahhhhhhhhh…. Ein wenig lauter.

Jetzt stelle ich mir schon vor, wie ein Polizeihelikopter über mir kreist. Und da hinten kommt schon so ein Hundebesitzer. Obwohl ich doch schon vom Weg mitten in den Wald gelaufen bin. Mist.

Monaco ist das bevölkerungsdichteste Land. Da hätte ich noch nicht einmal in den Wald gehen können. Deutschland kommt an 37. Stelle hinter China und Indien mit 230,5 Einwohnern pro Quadratkilometer. Am wenigsten besiedelt ist die Westsahara und die Mongolei mit zwei Einwohnern je Quadratkilometer. Da kannst Du schreien, was das Zeug hält.

Zurück in den deutschen Mischwald. Ich verstecke mich hinter einem Baum. Hoffentlich hat der Typ mit dem Hund mich nicht gehört. Und da denke ich auch schon daran, dass ich ja eigentlich mal weniger essen wollte. Ist der Baum überhaupt dick genug für mich?

Ach verdammt. Tagsüber geht das nicht, ohne dass ich eingeliefert werde.

Also versuche ich es am nächsten Morgen um fünf Uhr. Ich ziehe meine Laufsachen an. Die Kinder schlafen noch, ich wieder ab in den Wald. Scheiße ist das dunkel, ich fliege gleich bei der ersten Wurzel auf die Fresse. Das bringt´s auch nicht. Mut habe ich aber! Das sagen mir alle. Na wenigstens etwas. Ehrlich gesagt (aber nur unter uns), welcher Triebtäter geht auch schon morgens um fünf in den Wald. Das ist nun wirklich die allersicherste Zeit. Trotzdem! Ich bin ziemlich mutig.

Nach diesen zwei gescheiterten Versuchen habe ich das mit dem Rausschreien dann nochmal ausprobiert. In einem weiteren Seminar zum Thema „Essen nur bei körperlichem Hunger“ (wegen dem Baum) gab’s die Empfehlung, doch einfach in ein Kissen zu brüllen. Und das funktioniert echt gut. Hätte ich mir auch gleich denken können. Früher, als ich noch Krimis und Thriller geschaut habe, haben sie ja so die Leute umgebracht, wenn kein Schalldämpfer zur Hand war.

Also gut. Wo war ich? Ach ja, im freien Fall. Mal richtig Gas geben und es rauslassen. Ich muss sagen: Das hilft. Sobald die Schallmauer durchbrochen ist, bist du entweder so fertig vom Brüllen oder kommst dir so bescheuert vor, dass du nur noch lachen musst.

Und dann ist einfach alles wieder gut.

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10 Gedanken zu „3. Tube – Skyfall

  1. Ich finde Deinen Text super geschrieben und habe ihn sehr, sehr gerne zu Ende gelesen. Schätze Dein Talent. Das bringt Dich dann ins Grinsen……….., auch ein tolles Gefühl.

  2. Hallo Barbara,
    ich hab‘ mir Deinen Senf nach einer mega-bügel-Aktion gegönnt. Und von gönnen kann hier durchaus die Rede sein. Deine Ergüsse haben mich sehr zum Schmunzeln gebracht, durchaus auch zum Überlegen (zwecks dem Wald und einer evtl. Nachahmung…) und haben mir auf jeden Tag meinen Tag versüßt!
    Es liest sich locker vom Hocker, vielleicht deshalb, weil man neben dem Schmunzeln auch noch was lernt.
    Ist Dir wirklich gelungen! Bleib‘ bitte dabei!

    Bin sehr gespannt, wie es weiter geht.
    Britta aus München

  3. 😉 Mein Mann ist morgens nach dem Aufstehen fast immer super gelaunt – wie macht er es? Er liebt das S…Wort (und ich meine nicht die Zahl :-)). Über Tag benutzt er es manchmal in einem Satz mehr als 3 mal. Ich mag das S…Wort nicht und ich sage es ihm auch – darauf sagt er mir, dass ich immer das F…Wort benutze. Ich versuche jetzt, mir das F…Wort abzugewöhnen. Wie mache ich es? Ich habe ungefähr 30 Minuten bis zum Office mit dem Auto – ein schöner schallbegrenzter Raum. Ich drehe mein aktuelles Lieblingslied sehr laut und brülle was das Zeug hält mit – immer wieder. Danach fühle ich mich glücklich!

  4. Liebe Barbara, Du solltest wieder mit dem Reiten anfangen. Die Hundebesitzer springen hinter die Bäume, um ihre Lieblinge in Sicherheit zu bringen und die Triebtäter sind im Fall der Fälle langsamer. Rede ich mir auf jeden Fall ein. Das mit dem Schreien würde ich mir jedoch überlegen 😉

  5. Hallo Barbara, Dein Senf ist herrlich erfrischend! An vielen Stellen habe ich mich wiedergefunden, obwohl es mein Ex war, der vor inzwischen 6 Jahren ausgebrochen ist, um „endlich leben“ zu können – ohne Vorwarnung war ein fast 20jähriges Kapitel beendet. Kommunikation – auch die mit sich selbst stattfindende – ist eben eine Wissenschaft für sich und immer wieder herausfordernd. Ich freue mich auf weitere Senf-Kapitel, aus denen Dein fröhlich selbstironischer Optimismus spricht! Alles Gute!

    • Liebe Heike,
      vielen Dank für Deine tolle Rückmeldung. Ich freue mich sehr, wenn ich weiss, dass andere mitlachen.
      Und die Gespräche – auch mit mir selbst – werden von Tag zu Tag lustiger.

      Immer schön mutig und fröhlich sein! Herzlichen Gruss Barbara

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