2. Tube – Chinesisches Hinterland oder Robinson Club?


Gestern war ich bei „König“. Das ist der kleine Laden in meinem Wohngebiet

Bei uns in der Siedlung gibt’s Rotklinker-Häuser, Gelbklinker-Häuser und moderne Häuser. Die modernen Häuser haben dreieckige taubenblau gestrichene Fenster und im Wohnzimmer einen Erker. Der Erker ist konstruiert auf Basis eines Achtecks. Die Haustür hat einen modernen geometrischen Glaseinsatz und eine matte Edelstahlstange als Handgriff. Im Reihenhausgebiet stehen mindestens 60 exakt gleiche Häuser, die sich nur unterscheiden durch die Haustür – anderer geometrischer Glaseinsatz –, das Gartenhäuschen – modern mit Tonnendach oder im Schwarzwaldstil – und die Gestaltung des 10 Quadratmeter großen Vorgartens. Es ist einfach unfassbar, welche Variationsmöglichkeiten es auf 10 Quadratmetern geben kann. Ich glaube, dass es sogar noch mehr gibt als Kombinationen beim Samstagslotto, was ja immerhin schon über 14 Millionen sind – die Zusatzzahl  nicht eingerechnet. In dem Krötenkamp, so heißt das Gebiet, gibt es sogar eine Landebahn. Ein Eigentümer hat seine vier Meter lange Auffahrt zum Carport mit im Stein versenkten quadratischen Halogenstrahlern an den Seiten markiert. Blaue Leuchten schalten sich automatisch per Bewegungsmelder an, wenn jemand am Haus vorbeiläuft oder der Ford Mondeo sich der Auffahrt nähert. „Tower an Küche. Familienvater im Anflug. Graubrot, Käse, Wienerwürstchen und Senf bereithalten.“

Aber zurück zu „König“. Ein total süßer Laden. Hier gibt es Zeitschriften, einen Lottoannahmetresen, Schreibwaren, alles mögliche Allerlei und vor allem Süßigkeiten. Große Behälter sind gekennzeichnet mit 5 Cent oder 10 Cent. Vorne dran klemmt eine Metallzange, daneben hängen dreieckige Papiertütchen zum Abreißen. Als sie noch kleiner waren, bekamen unsere Kinder je 30 Cent und durften damit bei König einkaufen gehen. Sie rissen ein Papiertütchen vom Baumwollfädchen ab und sammelten sich ihre Schätze ein. Mit der gefüllten Tüte gingen sie zu Herrn oder Frau König, die dann mit großer Freude „Naschi-Rechnen“ mit den Kindern machten. Also als ich nun gestern bei König war, um meinen 8-Wochen-Lottoschein kontrollieren zu lassen – leider noch kein Gewinn – kamen wir ins Gespräch über Beziehungen und Ehen in der heutigen Zeit. „Die jungen Leute heutzutage trennen sich doch sofort, wenn’s mal schwierig wird“, so Ehepaar König. Kurz vorm Explodieren war ich. Ihr habt doch keine Ahnung. Was hätte ich denn noch alles machen und akzeptieren sollen! Vier Jahre ist das jetzt schon her. Vier Jahre und offensichtlich ist in mir drin immer noch ein Rest von schlechtem Gewissen, dass ich mich nicht genug angestrengt habe. Ich kriegte gerade noch die Kurve und riss mich zusammen. Jede Situation ist doch individuell. Also fragte ich nach ihren drei wichtigsten Tipps für eine glückliche Ehe. Irgendetwas müssen sie ja richtig gemacht haben, denn Herr und Frau König stehen jeden Tag gemeinsam in ihrem Laden. Von 8.00 bis 13.30 und 15.00 bis 18.00. Samstags bis 12 Uhr. Jeden Tag – seit mindestens 20 Jahren! Immer freundlich und immer für einen amüsanten Schnack zu haben.

Sie schauten sich an. Drei Tipps?

Sie waren sich sofort einig: Miteinander reden, zuhören und dann Dinge verändern!

So einfach ist das also, reden, zuhören und Dinge verändern.
„Das sagen sie so einfach“, höre ich mich erwidern. Mit großen Augen guckt mich Herr König an. „Wieso? Das ist doch selbstverständlich!“ Scheiße, da haben wir also beide, mein Ex-Mann und ich, studiert – ich BWL Schwerpunkt Marketing (wie erreiche ich den Kunden am besten) und er Kommunikationwissenschaften. Und schon am ersten der König-Tipps sind wir gescheitert. Von den anderen beiden erst gar nicht zu sprechen.

Ich weiß noch. Ich habe einfach aufgehört – aufgehört zu reden. Stell dir vor, du bist im tiefsten China. Also erst fliegst Du 20 Stunden nach Peking. Dann zwei Stunden nach Chongquing. Und dann fährst Du nochmal drei Stunden mit einem Geländewagen durch Schlammpfützen ins Hinterland nach Fenghuang. Da erwartest du ja auch nicht, dass jemand sagt: „Hallo, schön, dass ihr hergefunden habt. Herzlich willkommen in unserem Dorf.“
So war das ungefähr bei uns, über Jahre hinweg. Nur mit dem Unterschied, dass die Chinesen immer lächeln und dass man dann auf andere Art kommuniziert, mit Händen und Füßen halt. Man will ja schließlich was, wenn man schon ins chinesische Hinterland gefahren ist. Nur: mein Ex-Mann und ich sind dort nicht hingefahren. Wir waren auf einmal dort und wollten eigentlich in den Robinson Club Daidalos in Griechenland. Da muss man nicht viel reden. Das Buffet ist immer da und immer voll. Abends und tagsüber wird entertaint. Und außerdem ist jeder Tag genau gleich. Garantiert keine Überraschungen – außer die Tischnachbarn. Und selbst da braucht man sich nicht umzustellen: „Woher kommt Ihr denn…. wie lange seid ihr da….“ Miteinander reden kein Problem. Zuhören nicht relevant. Und verändern auch nicht notwendig. Jeder Robinson Club ist fast gleich. Das ist ja das Schöne. Zwei Wochen sind sofort um. Schlafen, essen, schlafen, essen, schlafen, essen.

Und plötzlich fanden wir uns im chinesischen Hinterland wieder. Mir war klar, das klappt jetzt so nicht mehr. Wir steckten mitten im hüfttiefen, stinkenden Schlamm der Nicht-Kommunikation.

Ich sagte nur: „Jetzt reichts. Wir brauchen einen Übersetzer!“ – „Willst Du jetzt jedes kleine Problem von einem Dritten lösen lassen?“, kam mir entgegengeschleudert. So unterschiedlich kann Wahrnehmung sein. Der eine beziehungsweise die eine steckt im Schlamm, jetzt sogar bis zum Hals – und der andere liegt immer noch mit einem Drink mit Schirmchen und Strohhalm auf der Liege am Pool und sagt: „Du spinnst! Wo ist der nächste Mai Thai?“… Und ich überlege zu diesem Zeitpunkt immer noch, ob ich das ganze vielleicht doch zu eng sehe.

Was muss denn noch alles passieren, dass ich es nun endlich verstehe? Und selbst wenn ich mich noch bewegen könnte: Möchte ich immer weiter im Club Robinson liegen mit Schwarz-Weiß-Mottoabend und Bauch-Beine-Po mit Jenny? Oder wollen wir nicht mal den Rest der Welt erleben? Ja, auch in Schlammpfützen steckenbleiben und dann gemeinsam die Kiste rausholen. Neue Menschen erleben. Wieder was spüren.

Ich war an dem ersten wirklich entscheidenden Punkt in meinem Leben. Nicht die Frage Medizin oder BWL studieren. In München oder in Mannheim – Babykram. Genau hier zwischen chinesischer, meuchelnder Schlammpfütze und Sonnenliege. Hier entscheidet sich jetzt deine Zukunft. Vertraue ich jetzt mir selbst oder glaube ich jemand anderem mehr und entscheide mich wieder einmal gegen mich? Verdammt, es stimmt etwas nicht. Und das nicht erst seit eben.

Unfassbar. Wieso habe ich das nicht gemerkt? Scheiß auf die ganzen Ratgeber und Sprüche. Liebe Dich selbst und es ist egal, wen Du heiratest. Liebe kann alles richten. Käse. Hab ich doch gemacht. Oder habe ich da vielleicht doch etwas missverstanden? Bewegungslos im Schlamm steckend?

Den Luxus, mich entscheiden zu können, hatte ich nun nicht mehr. „Moderator oder es ist aus!“ Endlich sah ich klar. Das ist das Gute am tiefen Schlamm: du weißt genau, was du nicht willst, nämlich noch weiter einsinken. Neeeeiiiiin. Das will ich nicht! Warum musste es erst soweit kommen? Egal!

Reden, zuhören und verändern. Und wenn das zu zweit nicht klappt? Dann höre auf die eigene innere Stimme, die immer mit dir redet, und verändere, was für dich gut ist. Danke liebe Königs!

Eine Woche später hatten wir den ersten Termin

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